Selenskyjs früherer Vertrauter Jermak offiziell der Geldwäsche verdächtigt

Die ukrainischen Antikorruptionsbehörden NABU und SAP haben den früheren Chef des Präsidentenbüros, Andrij Jermak, offiziell der Geldwäsche verdächtigt. Der einst mächtigste Vertraute Selenskyjs soll einer Gruppe angehört haben, die knapp neun Millionen Euro gewaschen hat.

Selenskyjs früherer Vertrauter Jermak offiziell der Geldwäsche verdächtigt
Foto: NABU

Die ukrainischen Antikorruptionsbehörden haben den ehemaligen Leiter des Präsidentenbüros, Andrij Jermak, offiziell der Geldwäsche verdächtigt. Das Nationale Antikorruptionsbüro NABU und die Spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft SAP teilten mit, eine kriminelle Gruppe enttarnt zu haben, die an der Verschleierung von umgerechnet knapp neun Millionen Euro im Zusammenhang mit einem Luxusbauvorhaben nahe Kyjiw beteiligt gewesen sein soll. Jermak soll dieser Gruppe angehört haben.

Der Fall markiert eine neue Eskalationsstufe in einem Ermittlungsverfahren, das die ukrainische Staatsführung seit Monaten erschüttert. Jermak war Ende November 2025 zurückgetreten, nachdem NABU und SAP seine Wohnung durchsucht hatten. Damals räumte er die Durchsuchungen öffentlich ein und beteuerte, er kooperiere uneingeschränkt mit den Behörden. Die formelle Verdächtigung bedeutet nun, dass die Ermittler die bis dahin gesammelten Beweise für ausreichend befunden haben, um ihm einen konkreten Tatverdacht zu eröffnen — ein wesentlicher Schritt im ukrainischen Strafverfahren auf dem Weg zu einer möglichen Anklage.

Jermak hatte das Präsidentenbüro seit Februar 2020 geleitet und galt über Jahre als mächtigster Mann in der Ukraine nach Präsident Wolodymyr Selenskyj. Er war die zentrale Schaltstelle zwischen dem Staatschef und internationalen Gesprächspartnern, koordinierte die ukrainischen Verhandlungspositionen gegenüber westlichen Regierungen und führte auch das ukrainische Team in den Friedensgesprächen mit den Vereinigten Staaten. Sein Einfluss auf die Außen- und Sicherheitspolitik galt als so weitreichend, dass er in ukrainischen Medien regelmäßig als graue Eminenz und Strippenzieher bezeichnet wurde.

Der Verdacht der Geldwäsche steht im Zusammenhang mit dem sogenannten Midas-Fall, einem der bisher größten Korruptionsskandale in der Geschichte der Ukraine seit Beginn des russischen Angriffskrieges. Im Mittelpunkt dieses Verfahrens steht der Geschäftsmann Tymur Mindytsch, einst Geschäftspartner Selenskyjs in der Filmbranche. Ermittler werfen Mindytsch und seinem Netzwerk vor, über Jahre Schmiergeldzahlungen organisiert und Gelder aus staatlichen Strukturen abgezweigt zu haben. Abgehörte Gespräche, die im Verlauf der Ermittlungen öffentlich wurden, sorgten in der Ukraine für Aufsehen: In den Aufnahmen soll eine Person unter dem Decknamen „Ali Baba" zu hören sein, bei der es sich ukrainischen Medienberichten zufolge um Jermak handeln soll.

Das Luxusbauvorhaben, in dessen Umfeld die mutmaßliche Geldwäsche stattgefunden haben soll, wird in Verbindung mit der Wohnbaukooperative „Dynast" gebracht, die auf dem Gelände eines früheren Erholungszentrums in der Nähe der Hauptstadt errichtet worden sein soll. Ermittler gehen davon aus, dass Gelder aus dem Netzwerk über dieses Projekt gewaschen wurden.

Der Skandal reicht inzwischen weit über Jermaks Person hinaus. Ende April 2026 veröffentlichte NABU neue Tonbandaufnahmen, die den Fall in Verbindung mit der verstaatlichten Sense Bank brachten. Die Behörden stellten dabei Verbindungen zwischen Personen aus dem Mindytsch-Netzwerk und Managementkreisen der Bank her. Auch weitere hochrangige Politiker sollen in unterschiedlichem Ausmaß in das Geflecht verstrickt sein, darunter der frühere stellvertretende Ministerpräsident Oleksij Tschernyschow sowie der ehemalige Energie- und Justizminister Herman Haluschenko. Gegen den amtierenden Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates, Rustem Umerow, wird ebenfalls ermittelt; eine Anklage wurde in seinem Fall bisher nicht erhoben.

Für die Ukraine kommt der Zeitpunkt der Verdächtigung Jermaks politisch heikel. Das Land steht mitten in einem zermürbenden Verteidigungskrieg, ist auf westliche Finanzhilfen und Rüstungslieferungen angewiesen und verhandelt über EU-Beitrittsperspektiven — allesamt Prozesse, bei denen Glaubwürdigkeit bei der Korruptionsbekämpfung eine entscheidende Rolle spielt. Westliche Geldgeber und EU-Institutionen beobachten die Entwicklungen genau. NABU und SAP, die als von der ukrainischen Regierung formal unabhängig gelten, haben in diesem Verfahren bislang Entschlossenheit gezeigt: NABU-Direktor Semen Krywonos erklärte, die Ermittlungen würden bis zum Ende geführt.

Nachfolger Jermaks als Chef des Präsidentenbüros ist seit Anfang 2026 Kyrylo Budanow, der zuvor den Militärgeheimdienst HUR geleitet hatte. Selenskyj hatte sich beim Abgang Jermaks öffentlich bei ihm bedankt und zur Zurückhaltung gegenüber Spekulationen aufgerufen — eine Reaktion, die in der ukrainischen Öffentlichkeit gemischte Aufnahme fand.