Brennende Raffinerien, schrumpfende Wirtschaft: Wie der Krieg Russland einholt

Ukrainische Drohnen brennen russische Ölanlagen nieder, Rauchwolken sind aus dem Weltall sichtbar – und der Krieg kehrt nach Russland zurück. Eine Analyse der Lage, während Moskaus Wirtschaft schrumpft und Putins Parade ohne Panzer auskam.

Brennende Raffinerien, schrumpfende Wirtschaft: Wie der Krieg Russland einholt
Foto: Exilenova+

Auf den Straßen der russischen Schwarzmeerstadt Tuapse regnet es Öl. Ein schmieriger, giftiger Film überzieht Autos und Bürgersteige – das Resultat mehrerer ukrainischer Drohnenangriffe auf die örtliche Ölraffinerie und das Exportterminal. Vier Mal innerhalb von nur zwei Wochen trafen ukrainische Drohnen die Anlage, die zu den wichtigsten Ölumschlagplätzen Russlands zählt. Die Rauchwolken waren so gewaltig, dass sie aus dem Weltall sichtbar waren. Tuapse liegt knapp 120 Kilometer von Sotschi entfernt – und damit von Vladimir Putins bevorzugter Sommerresidenz.

Die Angriffe legen die Verwundbarkeit russischer Infrastruktur weit hinter der Frontlinie offen. Gleichzeitig markieren sie eine neue Phase des Krieges: Die Ukraine trägt den Konflikt zunehmend auf russisches Territorium, und Russland ist nicht in der Lage, seine eigene Rüstung zu schützen.

Nach den Tuapse-Angriffen verschwand Putin für zehn Tage aus der Öffentlichkeit – ein ungewöhnliches Abtauchen des russischen Präsidenten, das international Spekulationen auslöste. Als er am 28. April wieder in Erscheinung trat, wandte er sich per Telefon an US-Präsident Donald Trump und bat um einen dreitägigen Waffenstillstand – zum Schutz der Siegesparade am 9. Mai in Moskau. Der sogenannte „Tag des Sieges" ist das zentrale Legitimationsritual des Kremls, eine jährliche Inszenierung nationaler Stärke und historischer Kontinuität.

Doch selbst die Parade geriet diesmal zum Zeichen der Schwäche: Zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten rollten keine Panzer und Raketen über den Roten Platz. Offenbar wollte man das Risiko vermeiden, dass ukrainische Drohnen ausgerechnet bei dieser Inszenierung sichtbar werden.

Den Waffenstillstandsvorschlag nutzte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj seinerseits geschickt: Er kündigte einen eigenen Waffenstillstand an, der bereits ab Mitternacht des 6. Mai gelten sollte – als Vorbedingung für eine Feuerpause am 9. Mai. Die russische Antwort kam prompt: Binnen Minuten nach dem ukrainischen Inkrafttreten feuerte Russland iranische Schahed-Drohnen auf Dnipro und gelenkte Bomben auf Sumy, Charkiw und Saporischschja. Allein in der ersten Maiwoche tötete Russland nach UN-Angaben 70 ukrainische Zivilisten und verletzte weitere 500.

Auf dem Schlachtfeld stellt sich das Kräfteverhältnis nach Einschätzung des finnischen Präsidenten Alexander Stubb zunehmend zugunsten der Ukraine dar. Stubb, der international als einer der nüchternsten Analysten des Konflikts gilt, geht davon aus, dass die Ukraine derzeit monatlich zwischen 30.000 und 35.000 russische Soldaten tötet oder verwundet – zu 95 Prozent mit Drohnen, bei einem Verhältnis von fünf russischen zu einem ukrainischen Gefallenen.

Auch wirtschaftlich gerät Russland unter Druck. Das russische Bruttoinlandsprodukt ist zu Jahresbeginn bereits um 1,8 Prozent geschrumpft. Der Chef des schwedischen Militärgeheimdienstes beschrieb Russland als Land, das „auf Pump lebt": Es produziere Waffen, die umgehend an der Front vernichtet werden, ohne dass diese Rüstungsproduktion weitere wirtschaftliche Impulse setze oder Lieferketten befeuere – außer jener des Kriegsverbrechens.

Selenskyj bezifferte die Schäden, die Russland durch ukrainische Weitstreckenangriffe allein im März entstanden seien, auf mindestens 2,3 Milliarden Dollar an Öleinnahmen. Dass dies nicht nur Symbolwert hat, zeigt sich auch an der geografischen Ausweitung: Ukrainische Drohnen erreichten zuletzt Perm, mehr als 1.600 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Am 5. Mai trafen ukrainische Flamingo-Marschflugkörper einen Rüstungsbetrieb in Tscheboksary, der Bauteile für Schahed-Drohnen und Iskander-Raketen herstellt – nach einer Flugstrecke von über 1.100 Kilometern.

Während Russland militärisch und wirtschaftlich unter Druck steht, erlebt die Ukraine einen bemerkenswerten Wandel ihrer strategischen Rolle. Im April unterzeichnete Kyjiw ein Rüstungsabkommen mit Deutschland im Volumen von 4,7 Milliarden Dollar, das unter anderem die gemeinsame Produktion von 5.000 KI-gesteuerten Drohnen umfasst. Saudi-Arabien kauft ukrainische Abfangraketen, weil sie Schahed-Drohnen für 10.000 Dollar pro Stück ausschalten können – ein Bruchteil der Kosten eines Patriot-Abfangflugkörpers. Ukrainische Militärausbilder sind bereits in den Golfstaaten tätig.

Im politischen Europa hat sich ebenfalls etwas verschoben: In Ungarn verlor der Kreml-treue Ministerpräsident Viktor Orbán nach 16 Jahren die erste Wahl seiner Karriere. Damit entfällt Budapests Veto in der EU, und ein Kreditpaket von 106 Milliarden Dollar (rund 90 Milliarden Euro) für Kyjiw konnte freigeschaltet werden.

Doch nicht alle westlichen Reaktionen sind der Lage angemessen. Bundeskanzler Friedrich Merz deutete in einer Rede vor Schülern an, die Ukraine könnte am Ende territoriale Verluste hinnehmen müssen. In Washington blockierte Staatssekretär Elbridge Colby monatelang bereits genehmigte Ukraine-Hilfe im Umfang von 400 Millionen Dollar – bis Senator Mitch McConnell die Verzögerung öffentlich anprangerte.

Der Krieg, den der Kreml gegen die Ukraine begann, kehrt zunehmend nach Russland zurück – in Form von brennenden Raffinerien, schrumpfender Wirtschaft und einem Siegesparade-Spektakel ohne Panzer. Die Ukraine hat sich vom Bittsteller zum Taktgeber entwickelt. Ob der Westen diese Verschiebung schnell genug begreift, ist eine der zentralen offenen Fragen des Konflikts.