Ukraine und Deutschland entwickeln gemeinsam Anti-Raketen-System „Freya"

Ukraine und Deutschland wollen gemeinsam eine neue ballistische Raketenabwehr entwickeln — günstiger als das knappe Patriot-System und tief verwurzelt in ukrainischer Kampferfahrung.

Ukraine und Deutschland entwickeln gemeinsam Anti-Raketen-System „Freya"
Foto: facebook.com/kpszsu

Die ukrainische Rüstungsfirma Fire Point und der deutsche Luft- und Raketenabwehrspezialist Diehl Defence haben ein Technologiekooperationsabkommen unterzeichnet. Ziel der Partnerschaft ist die beschleunigte Entwicklung eines neuen Systems zur Abwehr ballistischer Raketen — eines, das billiger, skalierbarer und von amerikanischen Zulieferern unabhängiger sein soll als die bislang dominierende Patriot-Plattform. Das Abkommen gehört zu insgesamt sechs neuen Kooperationsverträgen, die kürzlich zwischen ukrainischen und deutschen Unternehmen im Rahmen der Initiative „Build with Ukraine" geschlossen wurden.

Bekannt gemacht wurde die Vereinbarung am 14. April vom ukrainischen Rüstungsrat-Chef Ihor Fedirko. „Genau so funktioniert Build with Ukraine: ukrainische Lösungen, ukrainische Kampferfahrung und ukrainische Ingenieurskunst werden mit den Produktions-, Technologie- und Finanzkapazitäten der Partner kombiniert", erklärte Fedirko. Die Kooperation steht im Zeichen eines größeren strategischen Vorhabens: des Projekts „Freya", das einen ballistischen Schutzschirm für Europa vorsieht und in dem Fire Point eine Schlüsselrolle übernehmen soll.

Fire Point ist in der internationalen Rüstungsbranche vor allem als Hersteller des Marschflugkörpers FP-5 Flamingo bekannt, der mit einer Reichweite von bis zu 3.000 Kilometern bereits mehrfach gegen russische Waffenanlagen tief im Inneren Russlands eingesetzt wurde. Doch das Unternehmen hat seine Ambitionen deutlich ausgeweitet. Co-Gründer und Chefentwickler Denys Shtilerman erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, dass Fire Point daran arbeite, die Kosten für den Abschuss einer ballistischen Rakete auf unter eine Million US-Dollar zu drücken — ein Bruchteil dessen, was heutige Systeme kosten. Zum Vergleich: Das amerikanische Patriot-System benötigt für einen einzigen Abfangvorgang häufig zwei bis drei Abfangraketen, von denen jede mehrere Millionen Dollar kostet. „Wenn wir die Kosten unter eine Million Dollar senken können, wäre das ein Wendepunkt für alle Luftabwehrlösungen", sagte Shtilerman. Das erste ballistische Ziel soll planmäßig Ende 2027 abgefangen werden.

Das neue System ist laut Shtilerman darauf ausgelegt, nahtlos mit europäischen Radaranlagen, Gefechtslagezentren und digitalen Datenkommunikationskanälen zusammenzuarbeiten. Es soll Ziele sowohl über externe Zielvorgabe als auch mittels eigener Suchköpfe erfassen und abfangen können. Damit würde es sich organisch in bestehende NATO-Luftverteidigungsarchitekturen einfügen — und käme zu einem Zeitpunkt, zu dem die Verfügbarkeit von Patriot-Abfangraketen weltweit unter Druck steht. Die anhaltenden Angriffe des Irans auf Golfstaaten haben den globalen Bedarf an Patriot-Munition dramatisch erhöht. Europas einzige eigene Anti-Ballistikplattform, das italo-französische SAMP/T-System, wird nur in begrenzten Stückzahlen produziert.

Für Diehl Defence ist die Partnerschaft mit Fire Point eine logische Erweiterung des bestehenden Engagements in der Ukraine. Der Konzern liefert bereits seit Längerem das Luftverteidigungssystem IRIS-T SLM an die ukrainischen Streitkräfte, das sich im Kampf als hochwirksam gegen russische Marschflugkörper und Drohnen erwiesen hat. Derzeit entwickelt Diehl die erweiterte Version IRIS-T SLX mit einer Reichweite von bis zu 100 Kilometern. In die Kooperation mit Fire Point bringt das Unternehmen seine langjährige Expertise in der Herstellung von Lenkraketen, Infrarot-Suchköpfen und Zündsystemen ein — Schlüsseltechnologien, an denen Fire Point nach eigenen Angaben besonders interessiert ist.

Fire Point selbst steht dabei nicht still. Neben der Antiballistik-Plattform befinden sich zwei eigene ballistische Raketen in der Entwicklung. Die FP-7, mit einer Reichweite von rund 300 Kilometern, soll in nächster Zeit ihren ersten Kampfeinsatz erleben. Die größere FP-9 kann mit einem 800 Kilogramm schweren Gefechtskopf Ziele in bis zu 855 Kilometern Entfernung treffen — und würde damit erstmals Moskau in die Reichweite ukrainischer ballistischer Waffen bringen. Die Flugtests der FP-9 sind für Frühsommer 2026 geplant.

Dass das Thema Anti-Ballistik nun explizit Eingang in eine gemeinsame Erklärung mit Deutschland gefunden hat, wird von Beobachtern als Signal gewertet: Das Projekt „Freya" könnte sich damit von einem konzeptionellen Entwurf in ein konkretes Rüstungsprojekt verwandeln. Für die Ukraine bedeutete das einen zusätzlichen Schutzwall gegen die anhaltenden russischen Raketenangriffe; für Europa entstünde ein gemeinsames Abwehrsystem, das auf echten Kriegserfahrungen basiert — und nicht auf Manövern.