Zwischen Beitrittspflicht und Bombenalarm: Die Ukraine kämpft gegen die EU-Klimabürokratie
Die EU-Klimapolitik wird für die kriegsgebeutelte Ukraine zur neuen Wirtschaftsfront: Ihr Stahlsektor bricht unter dem CO₂-Grenzausgleich zusammen — und Kyjiw fordert in Brüssel Ausnahmen, die die EU bislang verweigert.
Während ukrainische Diplomaten in Brüssel um Erleichterungen beim europäischen CO₂-Grenzausgleich ringen, wächst in der ukrainischen Stahlindustrie die Existenzangst. Der Konflikt zwischen den Klimazielen der Europäischen Union und der wirtschaftlichen Überlebensfähigkeit eines Landes im Krieg hat eine neue Front geöffnet — diesmal nicht an der Frontlinie im Donbas, sondern in den Brüsseler Verhandlungskorridoren.
Im Mittelpunkt des Streits steht der sogenannte Carbon Border Adjustment Mechanism, kurz CBAM — ein Instrument der EU, das verhindern soll, dass klimaintensive Produktionen einfach in Länder mit laxeren Umweltstandards verlagert werden. Seit Januar 2026 müssen Importeure Zertifikate für die CO₂-Emissionen erwerben, die bei der Herstellung von Waren wie Stahl oder Düngemitteln außerhalb der EU anfallen. Die Regelung gilt für alle Drittstaaten — und damit auch für die Ukraine.
Die ukrainische Regierung hatte gehofft, angesichts von vier Jahren Krieg eine Ausnahmeregelung erwirken zu können. Die Hoffnung wurde enttäuscht. Die EU lehnte den Antrag ab, was in Kyjiw als Überraschung ankam. Vizepremierminister Taras Kachka erklärte Anfang April, Brüssel habe die Entscheidung damit begründet, es werde keine realen Auswirkungen auf die ukrainischen Exporte geben. Ganz so einfach ist die Lage aber nicht.
Der ukrainische Metallurgiesektor ist der mit Abstand am stärksten von CBAM betroffene Industriezweig des Landes. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete er mehr als 4,7 Milliarden Dollar an Exporterlösen, der überwiegende Teil davon mit Lieferungen in die EU — weil die Seerouten über das Schwarze Meer durch den Krieg stark beeinträchtigt sind und die Landwege über Polen und die Slowakei einfacher zugänglich bleiben. Doch inzwischen berichten Branchenvertreter von einem dramatischen Einbruch: Die Stahlexporte der Ukraine seien durch die mit CBAM verbundenen Kosten um 60 bis 70 Prozent zurückgegangen, erklärt Stanislav Zinchenko, Geschäftsführer des Branchenanalysezentrums GMK Center. Bis 2030 könnte die Regelung das Bruttoinlandsprodukt des Landes um 2,1 Prozent schmälern.
Besonders hart trifft die Lage den Stahlkonzern ArcelorMittal Krywyi Rih. Der Betrieb hatte bereits vor dem CBAM-Schock zwei Drittel seiner Vorkriegsproduktion eingebüßt und mehrere Produktionseinheiten stillgelegt. Als EU-Kunden von den zusätzlichen Abgaben zwischen 60 und 90 Dollar pro Tonne erfuhren, stornierten sie laut Konzernchef Mauro Longobardo sämtliche Aufträge für das erste Quartal 2026. Insgesamt verlor das Unternehmen in diesem Zeitraum rund 300.000 Tonnen an Stahlexporten und musste 3.400 Mitarbeiter entlassen. Longobardo warnt offen davor, dass CBAM in zwei bis drei Jahren die gesamte ukrainische Stahlindustrie zu Fall bringen könnte.
Die Absurdität der Situation zeigt sich besonders deutlich am Beispiel von Interpipe, einem Stahlunternehmen aus Dnipro, das zu den Betrieben mit dem ökologisch saubersten Produktionsweg zählt. Interpipe produziert Stahl in einem Lichtbogenofen — einer Technologie, die deutlich weniger CO₂ ausstößt als die klassischen Hochofenverfahren. Der tatsächliche Emissionswert liegt zehnmal niedriger als bei einem konventionellen Stahlwerk. Dennoch weist die EU Interpipe denselben pauschalen Standardemissionswert zu wie einem Betrieb mit schmutzigem Hochofenverfahren — was für das Unternehmen einen Aufschlag von 130 Euro pro Tonne auf seine nahtlosen Stahlrohre bedeutet. Andrii Ostapets, Umweltdirektor von Interpipe, bringt es auf den Punkt: Das Unternehmen habe bereits einen grünen Produktionsweg, zahle aber für dreckigen Stahl.
Ein Ausweg aus dieser Zwickmühle wäre die individuelle Emissionsverifizierung. Ab September sollen EU-akkreditierte Prüfer ukrainische Werke besuchen, um die tatsächlichen Emissionswerte zu erheben. Doch erstens kommt diese Überprüfung nach Ansicht ukrainischer Vertreter viel zu spät, da bereits jetzt massive Aufträge verloren gehen. Zweitens zögern ausländische Prüfer, in ein aktives Kriegsgebiet zu reisen. Immerhin zeichnet sich hier ein erster Fortschritt ab: Schweden hat vergangene Woche zugesagt, ukrainische Zertifizierungsstellen zu akkreditieren, was die Emissionsverifizierung für Stahlunternehmen beschleunigen soll.
Die wirtschaftspolitische Debatte ist auch eine Frage des Rahmens, in dem sie geführt wird. Experten, die die Ukraine bei ihrer EU-Beitrittsvorbereitung beraten, betonen, dass an einer Anpassung an die europäischen Klimastandards langfristig kein Weg vorbeiführt. David Saha, Direktor bei der Beratungsfirma Deloitte, die Kyjiw in Fragen der EU-Annäherung berät, macht deutlich: Wer der EU beitreten wolle, müsse das Emissionshandelssystem einführen und den Sektor schrittweise dekarbonisieren. Eine Ausnahmeregelung sei allenfalls übergangsweise vertretbar, müsse aber in den größeren Rahmen der Beitrittsverhandlungen eingebettet sein.
Doch Veronika Movchan, Akademische Direktorin am Kyjiwer Institut für Wirtschaftsforschung und Politikberatung, hält das Argument für unzureichend, solange Russland ukrainische Kraftwerke und Industrieanlagen mit Raketen und Drohnen angreift. In einem Krieg könne man nicht gleichzeitig alles lösen. Die Stromversorgung stehe unter konstantem Beschuss, Logistik und Lieferketten seien zerstört, und Investitionen in neue, emissionsärmere Produktionstechnik seien unter diesen Bedingungen schlicht nicht realisierbar. Die Ukraine solle in Brüssel höhere Gewalt geltend machen, fordert Movchan. Überleben müsse Vorrang haben.
Die Gespräche zwischen ukrainischen Regierungsvertretern und EU-Offiziellen gehen dieser Tage in Brüssel weiter. Ob sie zu einer praktikablen Lösung führen, die weder die ukrainische Industrie opfert noch die Klimaambitionen Europas aushöhlt, bleibt offen. Klar ist: Der Beitrittsprozess wird für die Ukraine kein stiller Verwaltungsvorgang sein, sondern ein Ringen um wirtschaftliche Identität unter den härtesten denkbaren Umständen.