Erneuter Stromausfall im AKW Saporischschja – am Jahrestag von Tschornobyl
Am 40. Jahrestag von Tschornobyl verlor das besetzte Atomkraftwerk Saporischschja erneut seinen externen Strom und musste eineinhalb Stunden lang auf Notgeneratoren laufen – es ist bereits der 15. Blackout seit der russischen Besetzung.
Am 40. Jahrestag der Nuklearkatastrophe von Tschornobyl hat das Atomkraftwerk Saporischschja erneut seinen externen Stromanschluss verloren. Das besetzte Kraftwerk war damit vorübergehend vollständig auf Notstromaggregate angewiesen – ein Zustand, der nach Ansicht des ukrainischen Atombetreibers Enerhoatom die nuklearen und radiologischen Risiken für die gesamte Region erheblich steigert. Es war bereits der 15. derartige Vorfall seit der russischen Besetzung der Anlage.
Auslöser des Zwischenfalls war die Abschaltung der Hochspannungsleitung „Ferosplawna-1", die die Anlage regulär mit externer elektrischer Energie versorgt. In der Folge wechselte das Kraftwerk automatisch in den Notbetrieb. Rund eineinhalb Stunden lang lief es ausschließlich über 19 Reservedieselgeneratoren. Diese Aggregate sind als Sicherheitsnetz für genau solche Ausnahmesituationen vorgesehen – doch ihr dauerhafter oder häufig wiederholter Einsatz birgt erhebliche Risiken. Dieselgeneratoren können ausfallen, ihr Kraftstoffvorrat ist begrenzt, und sie sind als Überbrückung konzipiert, nicht als langfristige Stromquelle für ein Atomkraftwerk der Größenordnung Saporischschjas.
Enerhoatom machte deutlich, dass jeder solche Vorfall die Sicherheitslage an der Anlage weiter verschärft. Der staatliche Atombetreiber betonte, dass die Situation erneut belege, wie dringend notwendig eine Rückgabe der Anlage unter ukrainische Kontrolle sei. Nur unter der Aufsicht des rechtmäßigen Betreibers könne die sichere Betriebsführung des größten Atomkraftwerks Europas gewährleistet werden. Solange russische Truppen das Gelände kontrollierten, bleibe die nukleare Sicherheit in einem strukturell gefährdeten Zustand.
Das Kraftwerk Saporischschja liegt im Süden der Ukraine, nahe der gleichnamigen Stadt, und war im März 2022, wenige Wochen nach Beginn der russischen Vollinvasion, von russischen Streitkräften eingenommen worden. Seitdem hat sich die internationale Sorge um die Sicherheit der Anlage nicht verringert – im Gegenteil. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) unterhält eine dauerhafte Präsenz vor Ort und dokumentiert die Lage. Doch ihre Möglichkeiten, auf den Betrieb der Anlage einzuwirken, sind begrenzt, solange Russland die Kontrolle über das Gelände behält.
Die Häufigkeit der Stromausfälle ist dabei besonders besorgniserregend. Fünfzehn Blackouts seit Beginn der Besatzung – das ist keine Ausnahme mehr, sondern ein Muster. Und jeder dieser Vorfälle führt die Anlage an eine Grenze, die im schlimmsten Fall nicht beherrschbar wäre. Atomkraftwerke benötigen selbst im abgeschalteten Zustand kontinuierlich Strom, um die Kühlung der Reaktoren und abgebrannten Brennelemente aufrechtzuerhalten. Fällt diese Kühlung aus, droht in kürzester Zeit eine schwere nukleare Katastrophe. Das Szenario eines Totalstromausfalls ohne funktionsfähige Notstromversorgung ist das, was Experten seit Beginn der Besatzung am meisten fürchten.
Der Zeitpunkt des jüngsten Vorfalls verleiht ihm eine besondere symbolische Schwere. Denn der 26. April markiert den 40. Jahrestag der Katastrophe von Tschornobyl – jener Nacht im Jahr 1986, in der Block 4 des Kernkraftwerks nördlich von Kyjiw explodierte und eine nukleare Wolke über weite Teile Europas trieb. Hunderttausende Menschen wurden evakuiert, ganze Landstriche für Jahrzehnte unbewohnbar. Die Nachwirkungen sind bis heute spürbar. Dass ausgerechnet an diesem Jahrestag das größte Atomkraftwerk des Kontinents erneut seinen Strom verlor, ist mehr als ein zeitlicher Zufall – es ist ein Hinweis darauf, wie real und unmittelbar die nukleare Bedrohung durch den russischen Krieg gegen die Ukraine ist.
Die Europäische Union gedachte des Jahrestags mit einer Erklärung, in der sie Russland aufforderte, die Saporischschja-Anlage unverzüglich unter ukrainische Kontrolle zurückzugeben und alle Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine zu beenden. Brüssel machte damit deutlich, dass es den Betrieb des Kraftwerks unter Besatzungsbedingungen als nicht mit nuklearer Sicherheit vereinbar betrachtet. Die politische Forderung deckt sich inhaltlich mit dem, was Enerhoatom technisch begründet: Ohne Rückübergabe an den rechtmäßigen Betreiber bleibt das Kraftwerk ein permanentes Risiko.
Für die Ukraine ist Saporischschja nicht nur ein geopolitisches Symbol, sondern auch ein wirtschaftlicher Verlust von erheblichem Ausmaß. Die sechs Reaktorblöcke der Anlage hatten vor dem Krieg rund ein Fünftel des gesamten ukrainischen Strombedarfs gedeckt. In einer Zeit, in der Russland systematisch die Energieinfrastruktur des Landes bombardiert, fehlt diese Kapazität schmerzlich. Die Besetzung des Kraftwerks ist damit eine doppelte Waffe: Sie entzieht der Ukraine Strom und produziert gleichzeitig ein nukleares Drohpotenzial, das die internationale Gemeinschaft zur Zurückhaltung zwingt.
Wie lange diese Situation noch andauert, ist offen. Russland hat keinerlei Signale gesendet, das Kraftwerk freiwillig zurückzugeben. Die IAEO verhandelt weiterhin über ein Sicherheitsabkommen für die Anlage, bislang ohne greifbares Ergebnis. Und die Generatoren stehen bereit – für den nächsten Blackout.