Keine Nahrung, kein Wasser: Ukraine zieht Konsequenzen aus Versorgungsskandal an der Front

Nach dem Bekanntwerden von Fotos schwer unterernährter Soldaten im Gebiet Charkiw hat der ukrainische Generalstab die Kommandeure der 14. Mechanisierten Brigade und des 10. Korps abgelöst und eine interne Untersuchung eingeleitet.

Keine Nahrung, kein Wasser: Ukraine zieht Konsequenzen aus Versorgungsskandal an der Front
Foto: Facebook/Syrskyj

Der ukrainische Generalstab hat am 24. April die Kommandeure des 10. Korps und der 14. Selbstständigen Mechanisierten Brigade ihres Amtes enthoben. Begründet wurden die Entlassungen mit dem Verlust ukrainischer Stellungen, unzureichender Versorgung der Fronttruppen sowie der Verschleierung der tatsächlichen Lage im jeweiligen Frontabschnitt. Der Schritt erfolgte kurz nach dem Bekanntwerden erschreckender Bilder von abgemagerten Soldaten, die im Gebiet Charkiw an vorderster Front eingesetzt sind.

Den Anstoß für die öffentliche Debatte gab Iwanna Poberezhnjuk, die Tochter eines ehemaligen Angehörigen des 2. Mechanisierten Bataillons der 14. Mechanisierten Brigade. Sie veröffentlichte auf der Plattform Threads Fotos von schwer ausgehungerten Soldaten, die nach ihren Angaben ohne ausreichend Nahrung und Wasser auf ihren Positionen im Gebiet Charkiw ausharren mussten – infolge von Versagen auf Kommandoebene. Die betroffenen Soldaten, dem 2. Bataillon der 30. Mechanisierten Brigade zugeteilt, seien vor Hunger in Ohnmacht gefallen und gezwungen gewesen, Regenwasser zu trinken. Das Kommando habe auf die Lage nicht reagiert, schrieb Poberezhnjuk.

Bereits wenige Tage zuvor hatte sich Anastassija Silchuk, die Ehefrau eines Brigadeangehörigen, auf Facebook zu Wort gemeldet. Sie schilderte, dass die Soldaten seit sieben Monaten mit extremen Verzögerungen bei der Lieferung von Lebensmitteln, Wasser, medizinischem Grundbedarf und Treibstoff konfrontiert seien. Nachschublieferungen ließen manchmal sieben bis vierzehn Tage auf sich warten. Hinzu kämen häufige Kommunikationsausfälle auf den Positionen, bei denen der Funkkontakt mitunter drei bis vier Tage lang nicht möglich sei.

Foto: Iwanna Poberezhnjuk/Threads

Das ukrainische Verteidigungsministerium reagierte am 23. April auf den Threads-Beitrag von Poberezhnjuk und teilte mit, der Kommandeur der 14. Brigade habe die Situation zur Kenntnis genommen und es würden trotz logistischer Herausforderungen Schritte unternommen, um die Versorgung der Truppe zu verbessern und die Personalrotation zu gewährleisten. Am folgenden Tag vollzog der Generalstab jedoch den Schritt zur Ablösung der verantwortlichen Kommandeure.

Der bisherige Brigadekommandeur Anatolij Lysetskyi wurde demnach durch Taras Maksymow ersetzt. Der Kommandeur des 10. Korps, Serhij Perts, wurde seines Postens enthoben und degradiert. Sein Nachfolger als Korpskommandeur wird Artem Bohomolow. Die Ukrainska Prawda berichtete unter Berufung auf Militärquellen, Perts sei parallel dazu auf die Position des Stabschefs des Operativen Kommandos Ost versetzt worden, wo er künftig an der Seite von Generalmajor Wiktor Nikolijuk tätig sein wird.

Bemerkenswert ist eine weitere Einschätzung, welche die Ukrainska Prawda aus Kommandokreisen zitiert: Die Entlassungen des Korps- und des Brigadekommandeurs seien demnach nicht unmittelbar mit der Veröffentlichung der Fotos von den ausgehungerten Soldaten verknüpft. Die entsprechenden Entscheidungen seien bereits einige Tage früher getroffen worden, ohne dass dies öffentlich bekanntgegeben wurde. Der Grund für die Abberufung beider Offiziere liege in "Mängeln bei der Erfüllung ihrer Aufgaben".

Die 14. Mechanisierte Brigade hält Stellungen östlich der Stadt Kupjansk im Gebiet Charkiw, seit die Region im Rahmen der ukrainischen Gegenoffensive im Herbst 2022 aus russischer Besatzung befreit wurde. In seiner Erklärung vom 24. April räumte der Generalstab ein, dass das anhaltende russische Beschießen der Übergänge über den Fluss Oskil die Versorgung der dort stationierten Einheiten erheblich erschwere.

Seit dem Jahr 2025 werden die Frontlinien nahezu flächendeckend von FPV-Drohnen dominiert, was reguläre Fahrzeugtransporte zu den Infanteriestellungen faktisch unmöglich macht. Lebensmittel, Wasser, Munition und Medikamente müssen seither weitgehend per Drohne abgeworfen werden – ein logistisches Verfahren, das unter ungünstigen Wetterbedingungen und starkem elektronischen Gegendruck an seine Grenzen stößt.

Der Generalstab versicherte, die neue Führung der Brigade und des Korps ergreife "alle möglichen Maßnahmen", um die Lage zu normalisieren und die Versorgung der Fronttruppen sicherzustellen. Die 14. Brigade bestätigte, dass eine neue Lebensmittellieferung für die betroffene Einheit eingegangen sei und die Soldaten bei entsprechenden Wetterbedingungen aus ihren Stellungen abgezogen werden könnten.

Darüber hinaus läuft beim Generalstab eine interne Untersuchung gegen Offiziere der 14. Mechanisierten Brigade. In Abhängigkeit von deren Ergebnissen sollen administrative Konsequenzen gezogen und die Ermittlungsunterlagen an die Strafverfolgungsbehörden weitergeleitet werden. Oberkommandierender Oleksandr Syrskyj wies Generalmajor Mychailo Drapatyj, den Kommandeur der Gruppe der Vereinigten Streitkräfte, an, eine Inspektion durchzuführen, um sicherzustellen, dass alle notwendigen Versorgungsgüter tatsächlich bei den Frontsoldaten ankommen.

Der Skandal wirft ein Schlaglicht auf strukturelle Probleme bei der Versorgungslogistik unter den Bedingungen des modernen Drohnenkrieges, in dem traditionelle Nachschubwege an den Frontabschnitten zunehmend unter permanentem Beobachtungs- und Angriffsrisiko stehen. Dass ausgehungerte Soldaten erst durch einen Appell von Angehörigen in sozialen Netzwerken öffentliche Aufmerksamkeit erlangten, lässt Fragen über die internen Meldestrukturen und die Bereitschaft zur Rechenschaft innerhalb der ukrainischen Streitkräfte offen – Fragen, deren Beantwortung nun Aufgabe der angelaufenen Untersuchung ist.