Zweiter Besuch in einem Monat: Selenskyj setzt Golfoffensive mit neuem Treffen in Riad fort
Wolodymyr Selenskyj ist zu seinem zweiten Besuch innerhalb eines Monats in Saudi-Arabien eingetroffen, um mit Kronprinz Mohammed bin Salman über Sicherheit, Energie und Infrastruktur zu verhandeln.
Wolodymyr Selenskyj ist am Freitag in Saudi-Arabien eingetroffen, um dort Kronprinz Mohammed bin Salman Al Saud zu treffen. Es ist bereits der zweite Besuch des ukrainischen Präsidenten im Königreich innerhalb eines einzigen Monats – ein Zeichen dafür, mit welcher Intensität Kyjiw derzeit seine diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Golfregion ausbaut.
Selenskyj teilte seine Ankunft über den Messengerdienst Telegram mit und umriss dabei die Schwerpunkte des Besuchs: Sicherheit, Energie und Infrastruktur. „Gestern haben wir bei einem Treffen mit europäischen Staats- und Regierungschefs finanzielle Garantien für unsere Widerstandsfähigkeit gesichert. Heute vertiefen wir unsere Vereinbarungen mit Saudi-Arabien in den Bereichen Sicherheit, Energie und Infrastruktur", schrieb er. Er betonte dabei, dass die Stärkung der bilateralen Beziehungen auf Gegenseitigkeit beruhen müsse, und lobte die bisherige inhaltliche Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern.
Bereits bei seinem ersten Besuch in Riad Ende März hatte Selenskyj nach eigenen Angaben eine wichtige Vereinbarung im Bereich der Luftverteidigung erzielt. Die saudiarabischen und ukrainischen Verteidigungsministerien unterzeichneten damals ein Abkommen, das eine zehnjährige Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich vorsieht, einschließlich gemeinsamer Produktionslinien. Kyjiw vermarktet seine in vier Jahren intensiver Kriegsführung gewonnene Expertise in der Drohnenabwehr inzwischen aktiv als strategisches Gut – und findet damit in der gesamten Region Abnehmer. Ukrainische Spezialisten für Drohnenabwehr sind bereits in Saudi-Arabien im Einsatz und haben dort Berichten zufolge beim Abschuss iranischer Drohnen mitgewirkt.
Der Zeitpunkt des Besuchs ist nicht zufällig gewählt. Für den kommenden Tag sind erstmals seit Monaten wieder offizielle Gespräche zwischen ukrainischen und US-amerikanischen Vertretern anberaumt – die ersten Treffen auf offizieller Ebene, seitdem Selenskyjs Begegnung mit US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus im Frühjahr im Eklat geendet hatte. Die Gespräche sollen sich auf ein bilaterales Mineralienabkommen konzentrieren sowie auf mögliche Wege zur Beendigung des Krieges. Kyjiw ist seitdem bemüht, seine Außenpolitik breiter aufzustellen und neue Partner zu gewinnen – nicht zuletzt, weil Washington seinen Kurs grundlegend geändert hat: Die USA haben die Militärhilfe für die Ukraine eingestellt und treten nun in direkten Kontakt mit Moskau, ohne Kyjiw einzubinden.
Saudi-Arabien hat in diesem veränderten geopolitischen Umfeld eine zunehmend wichtige Vermittlerrolle übernommen. Das Königreich hat seit Beginn des russischen Angriffskriegs mehrfach Gefangenenaustausche zwischen Russland und der Ukraine vermittelt und im vergangenen Monat Gespräche zwischen Russland und den USA in Dschidda beherbergt. Riad pflegt gute Beziehungen sowohl zu Moskau als auch zu Washington und kann sich daher als neutraler Gesprächspartner positionieren – eine Eigenschaft, die für Kyjiw in der gegenwärtigen Lage wertvoll ist.
Für die Ukraine geht es bei dem Besuch aber nicht nur um sicherheitspolitische Fragen. Das Land steht angesichts anhaltender russischer Angriffe auf seine Energieinfrastruktur vor erheblichen Versorgungsengpässen, insbesondere beim Dieselkraftstoff, von dem Landwirtschaft und Güterverkehr in hohem Maße abhängig sind. Kyjiw versucht, im Gegenzug für die Weitergabe seiner militärischen Expertise Liefervereinbarungen mit Ländern des Nahen Ostens auszuhandeln.
Der Besuch illustriert eine grundlegende Neuausrichtung der ukrainischen Außenpolitik: Selenskyj sucht aktiv nach Partnern jenseits des traditionellen westlichen Bündnisses, das unter dem Einfluss der Trump-Administration zunehmend an Verlässlichkeit eingebüßt hat. Die Golfstaaten, die gleichzeitig über enorme Finanzmittel verfügen und angesichts der regionalen Instabilität – nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Krieg der USA und Israels gegen den Iran – verstärktes Interesse an moderner Luftverteidigungstechnologie zeigen, sind dabei zu natürlichen Partnern geworden. Kyjiw versteht es, seine im Krieg erworbene Kompetenz in diplomatisches und wirtschaftliches Kapital umzumünzen.