Tödlicher Drohnenangriff in Cherson: Russland tötet Zivilisten im Morgenverkehr
Eine russische Drohne hat am Samstagmorgen einen Linienbus im ukrainischen Cherson getroffen und dabei mindestens zwei Menschen getötet sowie sieben weitere verletzt.
Im Morgengrauen des 2. Mai ist eine russische Drohne in einen Linienbus im ukrainischen Cherson eingeschlagen und hat dabei mindestens zwei Menschen das Leben gekostet. Sieben weitere Fahrgäste und Passanten wurden bei dem Angriff verletzt. Der Vorfall ereignete sich gegen 7 Uhr Ortszeit im Dnipro-Distrikt der Stadt und reiht sich in eine lange Serie russischer Angriffe auf zivile Ziele in der südukrainischen Gebietshauptstadt ein.
Laut dem Gouverneur des Oblasts Cherson, Oleksandr Prokudin, kamen bei dem Einschlag ein Kommunalarbeiter und eine Frau ums Leben. Beide starben noch am Ort des Geschehens. Über den Gesundheitszustand der sieben Verletzten lagen zunächst keine näheren Angaben vor. Einsatzkräfte und Sanitäter rückten unmittelbar nach dem Angriff aus, um die Verwundeten zu versorgen und den beschädigten Bus zu sichern. Fotos vom Tatort zeigten das schwer getroffene Fahrzeug mit eingeschlagenen Fensterscheiben und weitreichenden Schäden an der Karosserie.

Der Angriff ereignete sich zu einer Tageszeit, zu der viele Einwohner Chersons auf dem Weg zur Arbeit sind. Dass Russland eine Drohne auf einen Linienbus im dichten städtischen Bereich lenkte, unterstreicht nach Einschätzung ukrainischer Behörden das gezielte Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung. Gouverneur Prokudin hatte bereits in der Vergangenheit betont, Russland nehme bewusst auf zivile Infrastruktur und Alltagsleben der Stadtbevölkerung ins Visier.
Es ist nicht das erste Mal, dass ein Linienbus in Cherson zum Ziel eines russischen Drohnenangriffs wird. Erst am 11. März dieses Jahres – also weniger als zwei Monate zuvor – hatte eine russische Drohne einen vollbesetzten Stadtbus in Cherson getroffen und dabei zehn Menschen verletzt. Prokudin hatte den Angriff damals als bewussten Anschlag auf Zivilisten bezeichnet. Der neuerliche Einschlag legt nahe, dass russische Kräfte Cherson systematisch als Ziel für Terrorangriffe auf die Stadtbevölkerung nutzen, ungeachtet internationaler humanitärer Standards.
Cherson nimmt im Krieg eine besondere, äußerst gefährdete Lage ein. Die Stadt liegt unmittelbar an der Frontlinie entlang des Dnipro-Flusses, der seit der ukrainischen Befreiung der Stadt im November 2022 die Demarkationslinie zwischen ukrainisch und russisch kontrollierten Gebieten bildet. Auf dem östlichen Ufer des Dnipro, dem sogenannten Linken Ufer, stehen weiterhin russische Truppen. Von dort aus beschießen sie Cherson nahezu täglich mit Drohnen, Artillerie und Raketen. Das macht die Stadt zu einer der am stärksten unter Beschuss stehenden Zivilsiedlungen in ganz Europa.
Seit der Befreiung im Herbst 2022 hat die Einwohnerzahl Chersons dramatisch abgenommen. Zehntausende Menschen haben die Stadt verlassen, um der täglichen Gefahr zu entkommen. Wer geblieben ist – häufig ältere Menschen, Arme oder jene, die ihr Eigentum nicht aufgeben wollen –, lebt mit der ständigen Bedrohung durch russische Angriffe. Notdürftige Schutzräume, zerstörte Wasserinfrastruktur und wiederkehrende Stromausfälle gehören zum Alltag. Dennoch fahren in der Stadt weiterhin Linienbusse, da viele Einwohner auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind, um Märkte, Apotheken oder Verwandten zu erreichen.
Der Einsatz von Kamikaze-Drohnen gegen städtische Ziele hat sich in der russischen Kriegsführung in den vergangenen Monaten erheblich intensiviert. Neben militärischen Zielen werden dabei zunehmend auch Fahrzeuge des zivilen Personennahverkehrs, Märkte und Wohngebäude angegriffen. Internationale Menschenrechtsorganisationen haben Russland wiederholt vorgeworfen, durch solche Angriffe systematisch Kriegsverbrechen zu begehen. Der Kreml weist solche Vorwürfe regelmäßig zurück und behauptet, ausschließlich militärische Ziele zu treffen.
Der Angriff auf den Linienbus im Dnipro-Distrikt fiel in den frühen Morgenstunden eines Samstagmorgens, was die Möglichkeiten der Bewohner, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, weiter einschränkte. Luftalarmierungssysteme können zwar vor herannahenden Drohnen warnen, doch der Zeitabstand zwischen Warnsignal und Einschlag ist bei den häufig niedrig fliegenden Kamikaze-Drohnen russischer Bauart oft zu kurz, um Schutz zu suchen. Besonders in städtischen Gebieten direkt an der Frontlinie, wie Cherson, bleibt die Schutzwirkung der Warnsysteme begrenzt.
Die ukrainische Führung hat den Angriff scharf verurteilt. Aus Kyjiw hieß es, der Beschuss ziviler Verkehrsmittel sei ein weiterer Beleg für die terroristischen Methoden der russischen Streitkräfte und müsse von der internationalen Gemeinschaft klar als Kriegsverbrechen eingestuft und verfolgt werden. Ermittlungen wurden eingeleitet; ukrainische Strafverfolgungsbehörden dokumentieren derartige Vorfälle systematisch als Teil einer umfassenden Beweissammlung für künftige rechtliche Schritte vor internationalen Gerichten.
Unterdessen dauern die Kämpfe entlang der gesamten Front unverändert an. Russische Streitkräfte haben in den vergangenen Wochen auch andere ukrainische Städte mit Drohnenangriffen überzogen. In der Nacht zum 2. Mai wurden Infrastrukturziele in den Oblasten Mykolajiw, Krywyi Rih und Odessa attackiert. Cherson bleibt dabei ein bevorzugtes Angriffsziel – eine Stadt, die trotz ihrer Befreiung jeden Tag aufs Neue unter Feuer steht.