Ohne USA: Selenskyj entwickelt neue Strategie für Gespräche mit Russland

Angesichts schwindenden amerikanischen Engagements arbeitet die ukrainische Führung nach übereinstimmenden Berichten an einer eigenständigen Verhandlungsstrategie für mögliche Gespräche mit Russland – und schließt dabei eine Lösung ohne direkte US-Beteiligung nicht mehr aus.

Ohne USA: Selenskyj entwickelt neue Strategie für Gespräche mit Russland
Foto: Präsidialamt der Ukraine

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj lässt nach Informationen ukrainischer Medien eine Verhandlungsstrategie mit Russland ausarbeiten, die nicht länger zwingend auf die Vereinigten Staaten als zentralen Vermittler angewiesen ist. Damit zeichnet sich ein erheblicher Kurswechsel in der ukrainischen Diplomatie ab: Kyjiw, das seit Beginn des Krieges auf eine starke Einbindung Washingtons gesetzt hatte, richtet sich nun auf ein Szenario ein, in dem die USA entweder keine tragende Rolle mehr spielen wollen oder können.

Der Hintergrund dieser Entwicklung liegt in der zunehmenden Distanzierung der Trump-Administration vom Ukraine-Dossier. Seit dem Ausbruch des Krieges im Nahen Osten Ende Februar – nach US-israelischen Angriffen auf den Iran – hat Washington seine Aufmerksamkeit und Ressourcen erheblich in diese Region verlagert. Die trilateralen Gespräche zwischen den USA, der Ukraine und Russland, die im Frühjahr kurz Fahrt aufgenommen hatten, liegen seither weitgehend auf Eis. Moskau verweigerte zuletzt die Entsendung einer Delegation zu einem von Washington vorgeschlagenen Treffen, was den Prozess zusätzlich blockierte.

Selenskyjs Frustration mit Washington wächst spürbar. Ukrainische Beobachter und Diplomaten registrieren, dass Kyjiw von den USA inzwischen kaum mehr erwartet als Geheimdienstunterstützung und Patriot-Raketen – und vor allem, dass Washington die Ukraine nicht unter Druck setzt, einem inakzeptablen Abkommen zuzustimmen. Ein ehemaliger hochrangiger ukrainischer Diplomat brachte es auf den Punkt: Die Ukraine sei dabei, die Vereinigten Staaten als strategischen Partner zu verlieren.

Selenskyj zieht aus diesem Befund Konsequenzen. Die US-amerikanischen Militärhilfen für die Ukraine sollen im Jahr 2025 um bis zu 99 Prozent gegenüber dem Vorjahr abgenommen haben – ein Einbruch, der von europäischen Partnern weitgehend kompensiert wurde. Zugleich stellt die ukrainische Führung fest, dass der Anteil europäischer Rüstungshilfe, der über gemeinsam vereinbarte Beschaffungslisten abgewickelt wird, zurückgeht, weil US-Waffen nun vorrangig für den Iran-Krieg eingeplant werden.

Selenskyj hatte Washington zuletzt angeboten, ein Verteidigungskooperationsabkommen im Wert von 35 bis 50 Milliarden Dollar abzuschließen, das den USA Zugang zu Technologien von rund 200 ukrainischen Drohnen-, KI- und elektronischen Kriegsführungsunternehmen verschafft hätte – mit der Hälfte aller Produktion für Partner, allen voran die USA. Amerikanische Militäroffizielle hätten starkes Interesse bekundet, und Präsident Trump selbst habe Aufgeschlossenheit signalisiert. Unterzeichnet wurde das Abkommen dennoch nicht.

Parallel dazu hat die Ukraine ihre diplomatischen Kontakte zu europäischen Partnern erheblich intensiviert. Allein im April schloss Kyjiw zwei bedeutende Rüstungskooperationsabkommen: mit Deutschland über Drohnen, Raketen, Software und moderne Verteidigungssysteme im Wert von 4,7 Milliarden Dollar sowie mit Norwegen über 8,6 Milliarden Dollar als Teil eines umfassenderen Unterstützungspakets. Diese Vereinbarungen signalisieren, dass Europa bereit ist, im Falle eines dauerhaften US-Rückzugs die tragende Rolle zu übernehmen – auch in möglichen künftigen Verhandlungsformaten.

Selenskyj hatte zuletzt öffentlich gewarnt, es bestehe das Risiko, dass die USA und Russland bilaterale Abkommen über die Ukraine abschließen könnten, ohne Kyjiw einzubeziehen. Geheimdienstliche Erkenntnisse hätten ihm ein sogenanntes „Dmitrijew-Paket" gezeigt, das der russische Verhandlungsführer Kirill Dmitrijew in den USA präsentiert habe und das im Wesentlichen einen Rahmen für großangelegte US-russische Wirtschaftskooperation im Umfang von rund zwölf Billionen Dollar umfasse. Für die Ukraine wäre ein solches Szenario – bilaterale Absprachen zwischen Washington und Moskau ohne Kyjiws Wissen und Zustimmung – eine strategische Alptraumkonstellation.

Kyrylo Budanow, Leiter des ukrainischen Präsidialamts und Chefunterhändler der Ukraine, äußerte sich Anfang April gegenüber dem Sender Bloomberg auffällig optimistisch über die Aussichten auf eine Einigung. In seiner Einschätzung entwickelten sich die Gespräche mit Russland rasch in Richtung einer Lösung: Alle Beteiligten auf russischer Seite verstünden, dass der Krieg enden müsse – es werde nicht mehr lange dauern. Analysten werteten diese Aussage angesichts der festgefahrenen Lage als bemerkenswert, zumal Budanow nicht für übertriebenen Optimismus gegenüber Moskau bekannt ist.

Die Bereitschaft Kyjiws, Verhandlungswege auch ohne US-Garantien zu erkunden, bedeutet nicht, dass die Ukraine ihre Kernpositionen aufgibt. Selenskyj hält daran fest, dass die aktuellen Frontlinien die realistischste Grundlage für einen Waffenstillstand darstellen. Die Forderung Russlands, ukrainische Truppen müssten sich aus dem Donbas zurückziehen, lehnt Kyjiw kategorisch ab. Auch die territoriale Frage – Russland beharrt auf der formellen Anerkennung aller besetzten Gebiete – bleibt ein scheinbar unüberbrückbarer Streitpunkt.

Ob Trump tatsächlich als ehrlicher Makler zwischen Kyjiw und Moskau fungieren kann oder will, bleibt offen. Ukrainische Beobachter zweifeln zunehmend daran, dass Washington eine ausgewogene Vermittlung anstrebt. Vor diesem Hintergrund erscheint die Ausarbeitung einer eigenständigen ukrainischen Verhandlungsstrategie weniger als diplomatische Eskalation denn als nüchterne Vorbereitung auf eine sich abzeichnende geopolitische Realität: eine Ukraine, die im schlimmsten Fall auf sich und ihre europäischen Verbündeten allein gestellt sein könnte.