Ungarn reagiert auf Drohnenangriff mit Einbestellung des russischen Botschafters

Zum ersten Mal seit Beginn des Krieges hat Ungarn den russischen Botschafter einbestellt – als Reaktion auf russische Drohnenangriffe auf die Oblast Transkarpatien. Premierminister Péter Magyar sprach von einer klaren Verurteilung, Selenskyj dankte Budapest.

Ungarn reagiert auf Drohnenangriff mit Einbestellung des russischen Botschafters
Foto: Matthieu Levé / Unsplash

Seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine hat Ungarn den Botschafter der Russischen Föderation noch nie einbestellt. Nun hat die neue Regierung in Budapest diesen Schritt vollzogen: Außenministerin Anita Orbán bestellte den russischen Botschafter für den 14. Mai um 11:30 Uhr ins ungarische Außenministerium ein – als unmittelbare Reaktion auf den massiven russischen Drohnenangriff auf die Oblast Transkarpatien am 13. Mai. Premierminister Péter Magyar gab die Maßnahme nach der ersten Sitzung des neuen ungarischen Kabinetts bekannt.

„Die ungarische Regierung verurteilt den russischen Angriff auf Transkarpatien auf das Schärfste", erklärte Magyar vor der Presse. Die Regierung habe außerdem ihre Hilfsbereitschaft gegenüber den Betroffenen in der westukrainischen Grenzregion signalisiert. „Wir haben der ungarischen Regierung Hilfe angeboten. Wir sind bereit, jede Art von Unterstützung zu leisten, sei es bei der Stromversorgung oder bei anderem", so der Premierminister. Der politische Kurswechsel Budapests gegenüber Moskau, den Magyars Amtsantritt symbolisiert, findet damit auch in der Außenpolitik seinen sichtbaren Ausdruck.

Das Einbestellen des russischen Botschafters ist ein diplomatisch bedeutsames Signal. In den mehr als drei Jahren seit Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 hatte die damalige Regierung unter Viktor Orbán diesen Schritt stets vermieden – Ungarn galt innerhalb der Europäischen Union und der NATO als der Bündnispartner mit den engsten informellen Verbindungen zu Moskau. Die neue Regierung sendet nun unmissverständlich ein anderes Signal.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj reagierte rasch auf die Erklärungen Magyars. In seinem Telegram-Kanal dankte er dem neuen ungarischen Kabinett für seine klare Haltung. „Eine wichtige Erklärung zur Verurteilung des russischen Angriffs auf die Ukraine vom ungarischen Premierminister Péter Magyar. Moskau hat erneut bewiesen, dass es eine gemeinsame Bedrohung darstellt – nicht nur für die Ukraine, sondern auch für die Nachbarstaaten und Europa insgesamt", schrieb Selenskyj. „Der Angriff geht weiter. Erste Raketen wurden abgefeuert. Unsere gemeinsame Haltung ist entscheidend, um diesen brutalen Krieg zu beenden."

Der Anlass für die ungewöhnlich scharfe Reaktion Budapests war eine großangelegte russische Kombinationsattacke, die am Morgen des 13. Mai begann und zum Zeitpunkt der Regierungserklärung noch andauerte. Besonders betroffen war dabei die Oblast Transkarpatien im äußersten Westen der Ukraine, die unmittelbar an Ungarn, die Slowakei und Rumänien grenzt. Die russischen Streitkräfte setzten dabei auf einen kombinierten Einsatz von Drohnen und Raketen, der sich gegen ein breites Spektrum ukrainischer Ziele richtete.

Der militärische Berater und Experte Oleksandr Musijenko erklärte im Gespräch mit UNIAN, Russland nutze für diesen Angriff offenbar verstärkt belarussisches Territorium zur Steuerung seiner Angriffsdrohnen. Viele der Drohnen, die den Westen der Ukraine attackierten, seien über den Nordwesten des Landes nahe der belarussischen Grenze eingeflogen. Diese Einschätzung deutet auf eine veränderte russische Angriffstaktik hin, bei der Minsk zunehmend als logistische Ausweichplattform dient.

In Kyjiw wurden die Luftverteidigungskräfte aktiviert. Bürgermeister Witali Klitschko bestätigte, dass die Flugabwehr in der Hauptstadt im Einsatz sei. Auch Odessa, Cherson und weitere Städte meldeten Einschläge und Opfer. Die Stadt Cherson wurde besonders schwer getroffen: Es gab Berichte über Todesopfer und Dutzende Verletzte.

Militäranalyst Serhij Beskrestnow, bekannt unter dem Rufzeichen „Flesch" und Berater des ukrainischen Verteidigungsministeriums, sprach von einer neuartigen Angriffstaktik der russischen Kräfte. Er prognostizierte, die laufende kombinierte Großattacke werde voraussichtlich bis zum Mittag des 14. Mai andauern. Die ukrainischen Streitkräfte hätten diesen Angriff erwartet und seien entsprechend vorbereitet.

Unterdessen veröffentlichte der ukrainische Generalstab Informationen über erfolgreiche Gegenschläge: Demnach wurden ein russisches Ölterminal sowie ein Gasverarbeitungswerk auf russischem Territorium durch ukrainische Drohnenangriffe beschädigt. Die Reuters-Nachrichtenagentur berichtete überdies, ukrainische Drohnen hätten eine der größten russischen Erdölraffinerien zeitweise außer Betrieb gesetzt.

Der Angriff vom 13. Mai, der sich auch gegen transkarpatisches Gebiet nahe der ungarischen Grenze richtete, hat die diplomatische Dynamik in Budapest unmittelbar verändert. Für die neue ungarische Regierung war es das erste außenpolitische Signal in Bezug auf den Krieg – und es fiel deutlicher aus als alles, was Budapest in den vergangenen drei Jahren hat verlauten lassen.