Länger als der Große Vaterländische Krieg: Wie der Ukraine-Krieg Putins Mythos zerstört
Putins jahrzehntelang gepflegter Siegeskult um den 9. Mai ist zur Falle geworden: Der Krieg dauert länger als der Zweite Weltkrieg, Drohnen treffen tief in Russland – und die Stimmung kippt.
Über ein Vierteljahrhundert hat Wladimir Putin den 9. Mai zum Fundament eines staatlichen Kults erhoben. Der Tag des Sieges über Nazideutschland sollte die Legitimität seiner Herrschaft untermauern und Russlands imperiale Größe beschwören. Doch die jahrelang aufgebaute Ideologie ist zur Falle geworden – und richtet sich nun gegen den Mann, der sie erschaffen hat. Das analysiert das Wall Street Journal in einer ausführlichen Bestandsaufnahme.
Der entscheidende Wendepunkt kam im Januar dieses Jahres, als Putins sogenannte „Spezialoperation" gegen die Ukraine länger dauerte als der gesamte Zweite Weltkrieg für die Sowjetunion. Vom deutschen Überfall im Juni 1941 bis zum Kriegsende im Mai 1945 vergingen weniger als vier Jahre – Putins Vollinvasion, die am 24. Februar 2022 begann, überschritt diese Marke zu Jahresbeginn 2026. Seitdem hat sich in der russischen Gesellschaft nach Beobachtung des WSJ etwas grundlegend verändert.
„Jeder Tag seitdem verstärkt das Gefühl, dass wir der Erinnerung unserer Großväter nicht würdig sind", erklärte Abbas Galljamow, Politologe und ehemaliger Redenschreiber Putins. „Putin hat diesen Kult der Großväter geschaffen, und nun kehrt er sich gegen ihn."
Der Kremlchef steht ohne Siege da, die sich feiern ließen. Die Front stagniert, die russischen Verluste übersteigen nach westlichen Schätzungen inzwischen eine Million Soldaten, die Wirtschaft leidet unter Sanktionen und Kriegskosten, und regelmäßige ukrainische Drohnenangriffe treffen tief im russischen Hinterland gelegene Ziele. Rund 70 Prozent der russischen Bevölkerung, darunter Regionen, die sich in tausend Kilometern Entfernung von der Ukraine in Sicherheit wähnten, befinden sich mittlerweile in Reichweite Kyjiws. Was anfangs noch eine patriotische Solidarisierungswelle auslöste, demonstriert heute mit wachsender Deutlichkeit die Schwäche des russischen Staatschefs.
„Heute wird Putin als alter Großvater wahrgenommen, der die Lebenswirklichkeit der Menschen nicht kennt. Er gilt nicht mehr als Beschützer. Er gilt nicht mehr als Superman", sagte Alexander Baunow, Senior Fellow am Carnegie-Zentrum, gegenüber der amerikanischen Zeitung.
Die gesellschaftliche Stimmung hat sich demnach auffällig verschlechtert. Selbst kriegsbefürwortende Stimmen in Russland formulieren inzwischen öffentlich Kritik. Die bekannte russische Medienpersönlichkeit Anastasia Kashewarowa schrieb in ihrem Telegram-Kanal, die Großväter des Zweiten Weltkrieges seien zu diesem Zeitpunkt bereits in Berlin gewesen – „während wir aus irgendeinem Grund weiterhin nur mit der Faust drohen und Unsinn über rote Linien reden". In Moskauer Gesellschaftskreisen kursierten Gerüchte über Putschplanungen und interne Machtkämpfe zwischen Sicherheitsbehörden, so das WSJ.
Für Putins Imageprobleme steht der Jahrestag selbst sinnbildlich. Der Militärexperte Niko Lange beschreibt die Lage pointiert: Wenn Putin frei wählen könnte, würde er die Parade zum 9. Mai lieber absagen. Angesichts der durch ukrainische Angriffe erheblich geschwächten russischen Luftverteidigung sei ein öffentlicher Auftritt im Freien ein Sicherheitsrisiko. Gleichzeitig ist ein Verzicht auf das Spektakel undenkbar – der quasi-religiöse Status des Feiertags lässt dem Kremlchef keine Wahl. Der 9. Mai ist zur Falle geworden, aus der es keinen Ausweg gibt.
Hinzu kommt Putins persönliche Verfassung. Berichten zufolge befindet er sich seit März in einem Zustand erhöhter Anspannung und hält sich überwiegend in gesicherten Anlagen auf. Im Kreml wachse die Furcht vor internen Komplotten, dem Einsatz von Drohnen durch politische Eliten sowie einer möglichen Destabilisierung durch Vertreter der Sicherheitsstrukturen, darunter dem früheren Verteidigungsminister Sergej Schoigu.
Galljamow, der frühere Kreml-Redenschreiber, zieht daraus eine düstere historische Parallele. Menschen, die früher politisch gleichgültig gewesen seien, hielten es heute für geradezu modisch, politische Ansichten zu äußern, über das Leid des Volkes besorgt zu sein und die Macht zu kritisieren. „Historisch gesehen gehen derartige Stimmungen meist Revolutionen voraus", sagte er.
Ob es tatsächlich dazu kommt, bleibt offen. Das WSJ betont ausdrücklich, dass eine Revolution weder unausweichlich noch Putins baldige Ablösung wahrscheinlich sei. Doch der Stimmungswandel sei bemerkenswert im Vergleich zum Dezember des Vorjahres, als russische Kreise noch auf ein Entgegenkommen der Trump-Administration, eine Lockerung der Sanktionen und einen wirtschaftlichen Aufschwung gesetzt hatten. Diese Hoffnungen haben sich bislang nicht erfüllt. Der Krieg geht weiter – und der Kult um den Sieg von einst arbeitet zusehends gegen denjenigen, der ihn zum Herrschaftsinstrument gemacht hat.