Ukraine und Norwegen unterzeichnen Verteidigungspartnerschaft — Selenskyj setzt Europatour nach Oslo fort

Nach Gesprächen in Berlin reiste Wolodymyr Selenskyj nach Oslo, wo er mit Jonas Gahr Støre eine strategische Verteidigungspartnerschaft besiegelte. Der Besuch unterstreicht das Tempo europäischer Diplomatie zur Stärkung der Ukraine.

Ukraine und Norwegen unterzeichnen Verteidigungspartnerschaft — Selenskyj setzt Europatour nach Oslo fort
Foto: president.gov.ua

Nach den Berliner Regierungskonsultationen mit Bundeskanzler Friedrich Merz reiste der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Dienstagabend weiter nach Oslo. Dort unterzeichnete er gemeinsam mit dem norwegischen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre eine Erklärung über eine strategische Verteidigungspartnerschaft. Der Besuch reiht sich in eine intensive Woche europäischer Diplomatie ein, in der Selenskyj mehrere Hauptstädte aufsucht, um die militärische und politische Unterstützung für die Ukraine zu festigen.

Støre empfing Selenskyj mit deutlichen Worten über den Stellenwert der Ukraine in der norwegischen Außenpolitik. Die Ukraine sei ein "Schlüsselprioritität" für Oslo, erklärte der Ministerpräsident gegenüber Journalisten. Dabei betonte er ausdrücklich, dass das Verhältnis beider Länder keine einseitige Hilfeleistung sei, sondern eine echte Partnerschaft auf Gegenseitigkeit. Norwegen ist gemessen am Bruttoinlandsprodukt einer der größten pro-Kopf-Unterstützer der Ukraine in Europa — ein Engagement, das Oslo seit dem russischen Angriff im Februar 2022 stetig ausgebaut hat.

Für Støre ist der Nutzen der Partnerschaft vor allem ein strategischer. Norwegen lerne aus den Erfahrungen, die die Ukraine im Kampf gegen die russische Aggression sammle, sagte er. Dieser Erfahrungsschatz sei für die Weiterentwicklung der eigenen Streitkräfte und die langfristige Verteidigungsplanung des Landes von erheblichem Wert. In keinem anderen Konflikt der jüngeren Geschichte wurde moderne Kriegsführung so intensiv und unter so vielfältigen Bedingungen erprobt wie im ukrainischen Abwehrkampf — von Drohnenoperationen über elektronische Kriegsführung bis hin zu urbaner Infanterietaktik. Norwegen, das als NATO-Mitglied an einer langen Grenze zu Russland liegt und dessen Sicherheitsarchitektur stark auf alliierter Abschreckung basiert, hat ein unmittelbares Eigeninteresse daran, diese Erfahrungen zu verstehen und einzuarbeiten.

Ein zentrales Thema des Treffens war die Zusammenarbeit bei der Drohnenentwicklung und der industriellen Kooperation im Rüstungsbereich. Støre verwies darauf, dass es bereits ukrainische Fertigung auf norwegischem Boden gebe und Norwegen gleichzeitig die Produktion in der Ukraine unterstütze. Beide Seiten wollen diesen Austausch nun vertiefen und auf eine breitere vertragliche Grundlage stellen. Gerade bei unbemannten Systemen hat die Ukraine in den vergangenen zwei Jahren eine bemerkenswerte Eigenentwicklung vollzogen: Drohnen wurden von improvisierten Hilfsmitteln zu einem zentralen Bestandteil der Kriegsführung — sowohl für Aufklärung als auch für präzise Angriffe. Dieses Know-how gilt international als begehrt.

Darüber hinaus nannte Støre die Zusammenarbeit im Energiesektor als weiteres Feld der Partnerschaft. Norwegen als einer der größten Öl- und Gasproduzenten Europas verfügt über Expertise, die für den Wiederaufbau der schwer beschädigten ukrainischen Energieinfrastruktur relevant sein könnte. Russland hat die ukrainische Energieversorgung seit Beginn des Vollzeitangriffs systematisch angegriffen — Kraftwerke, Umspannwerke und Wärmeanlagen wurden in wiederholten Raketenwellen zerstört oder schwer beschädigt. Der Wiederaufbau und die langfristige Diversifizierung der Energieversorgung sind für die Ukraine existenziell.

Ein weiteres Thema war die gesellschaftliche Resilienz. Norwegen interessiere sich dafür, was eine Gesellschaft durchhaltefähig macht, wenn sie einem Krieg ausgesetzt ist, erklärte Støre. Die Ukraine hat auf diesem Feld unter extremen Bedingungen praktische Erfahrungen gesammelt — von der Organisation der Zivilschutzstrukturen über die Aufrechterhaltung staatlicher Funktionen bis hin zur psychologischen Stabilität der Bevölkerung. Auch das sind Erkenntnisse, die für die Verteidigungsplanung anderer Länder zunehmend relevant werden, nachdem die europäischen Staaten ihre Resilienzkonzepte nach Jahren der Vernachlässigung grundlegend überarbeiten.

Selenskyjs Besuch in Oslo folgte unmittelbar auf die Berliner Konsultationen, bei denen Deutschland und die Ukraine ein Rüstungspaket im Wert von vier Milliarden Euro vereinbart sowie eine strategische Partnerschaft auf breiter Ebene beschlossen hatten. Dass der Präsident am selben Tag zwei europäische Hauptstädte aufsuchte, zeigt das Tempo, das Kyjiw in seiner Unterstützungsdiplomatie vorlegt. Selenskyj hatte bereits am Vortag auf einer ukrainischen Waffenmesse angekündigt, in dieser Woche mit mehreren europäischen Staats- und Regierungschefs über den Aufbau eines gemeinsamen Luftabwehrsystems sprechen zu wollen.

Am Mittwoch treffen sich in Berlin erneut die Verteidigungsminister der Ukraine-Kontaktgruppe sowie NATO-Generalsekretär Mark Rutte im sogenannten Ramstein-Format. Der Fokus dieser Konsultationen liegt auf der koordinierten Lieferung schwerer Waffen und der Abstimmung der westlichen Unterstützung. Ob der US-amerikanische Verteidigungsminister an der Sitzung teilnehmen wird, war zuletzt unklar — aus Washington waren wiederholte Absagen zu verzeichnen gewesen, was in Kyjiw und europäischen Hauptstädten mit wachsender Sorge verfolgt wird.