Selenskyj droht Israel: Sanktionen wegen Getreide aus besetzten Gebieten
Wegen eines Frachters mit Getreide aus besetzten ukrainischen Gebieten hat Selenskyj Israel mit Sanktionen gedroht – und den israelischen Botschafter einbestellt.
Die Ukraine hat ihren Tonfall gegenüber Israel in einem wachsenden Streit über russische Getreidelieferungen aus besetzten ukrainischen Gebieten deutlich verschärft. Präsident Wolodymyr Selenskyj drohte öffentlich mit Sanktionen gegen alle am Handel beteiligten Personen und Unternehmen – und stellte damit eine der wenigen verbliebenen stabilen Beziehungen der Ukraine im Nahen Osten auf eine ernste Probe.
"In jedem normalen Land ist der Kauf von gestohlenem Gut eine Straftat. Das gilt insbesondere für Getreide, das Russland gestohlen hat", schrieb Selenskyj in sozialen Netzwerken. Gleichzeitig richtete er eine unmissverständliche Forderung an Jerusalem: "Wir erwarten, dass Israel die Ukraine respektiert und alles unterlässt, was unsere bilateralen Beziehungen untergräbt."
Haifa im Fokus – bereits die zweite Lieferung in diesem Jahr
Konkreter Auslöser der Eskalation ist ein Frachter, der nach Angaben Selenskyjs Getreide aus besetzten ukrainischen Gebieten in den israelischen Hafen Haifa transportiert hat – bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr. Recherchen der israelischen, regierungskritischen Zeitung "Haaretz" zeichnen ein noch düstereres Bild: Demnach handelt es sich im laufenden Jahr bereits um die vierte derartige Lieferung. Seit 2023 sei mehrfach Fracht in Israel eingetroffen, die aus besetzten ukrainischen Gebieten stammen könnte. Die Zeitung spricht von einem "bestimmten Muster" – was darauf hindeutet, dass es sich nicht um Einzelfälle, sondern um eine strukturierte Praxis handelt.
Am Montag bestellte das ukrainische Außenministerium in Kyjiw deshalb den israelischen Botschafter Michael Brodsky ein – ein diplomatisches Signal, das in der Schwere einer formellen Protestnote entspricht. Die Ukraine macht damit deutlich, dass sie die Angelegenheit nicht länger als bilaterales Randthema betrachtet, sondern als Verletzung grundlegender Normen des Völkerrechts und des internationalen Handels.
Israel fordert Beweise – Ukraine erhöht Druck
Israels Außenminister Gideon Saar reagierte kühl auf die Vorwürfe und forderte Kyjiw auf, konkrete Belege für seine Anschuldigungen vorzulegen. Diese Haltung steht im Kontrast zur Entschlossenheit, mit der die Ukraine ihren Standpunkt vertritt. Aus ukrainischer Sicht geht es nicht allein um einzelne Schiffsladungen, sondern um ein grundsätzliches Problem: Wenn Drittstaaten Waren kaufen, die Russland in besetzten Gebieten geraubt hat, legitimieren sie damit indirekt die militärische Besatzung und profitieren wirtschaftlich von ihr.
Selenskyj machte deutlich, wen er ins Visier nehmen will: Sanktionen sollten sowohl diejenigen treffen, die das Getreide transportieren, als auch "die Personen und Firmen, die von diesem kriminellen Schema zu profitieren versuchen". Diese Formulierung ist bewusst weit gefasst – sie könnte Reedereien, Handelsunternehmen und Abnehmer gleichermaßen erfassen.
Ein komplexes Verhältnis unter Druck
Das Verhältnis zwischen der Ukraine und Israel war seit Beginn des russischen Angriffskrieges im Februar 2022 ohnehin belastet. Israel verweigerte trotz wiederholter ukrainischer Bitten die Lieferung von Rüstungsgütern und enthielt sich lange einer klaren Verurteilung des russischen Vorgehens – ein Kurs, der in Kyjiw auf scharfe Kritik stieß. Gleichzeitig ist Israel auf gute Beziehungen zu Russland angewiesen, nicht zuletzt um seine Handlungsfreiheit für Militäroperationen im syrischen Luftraum zu sichern.
Die Getreidekrise fügt dieser ohnehin komplizierten Gemengelage eine neue Dimension hinzu. Russland hat seit Beginn des Krieges systematisch Landwirtschaft und Getreidevorräte in den besetzten Gebieten der Ukraine geplündert. Internationale Organisationen und Regierungen haben diesen Vorgang dokumentiert und verurteilt. Dass das Getreide dennoch seinen Weg in internationale Häfen findet, zeigt, wie schwierig die Durchsetzung entsprechender Handelsverbote in der Praxis ist.
Für Israel könnte der Druck aus Kyjiw nun spürbare Konsequenzen haben. Sollte die Ukraine tatsächlich Sanktionen verhängen oder den Fall vor internationalen Gremien eskalieren, würde dies nicht nur das bilaterale Verhältnis weiter belasten, sondern auch die internationale Debatte über den Umgang mit russisch besetzten Gebieten neu befeuern. Kyjiw sendet mit der Drohung ein Signal weit über Israel hinaus: Wer vom Krieg profitiert, wird zur Rechenschaft gezogen.