Russland greift Ukraine kurz vor Feuerpause massiv an – mehr als 20 Tote
Russland bombardiert die Ukraine mit Raketen und Drohnen und tötet mehr als 20 Menschen – während Moskau gleichzeitig eine Feuerpause für seine Siegesfeierlichkeiten fordert.
Kurz vor dem Inkrafttreten einer von beiden Seiten angekündigten, wenn auch zeitlich unterschiedlich terminierten Feuerpause hat Russland die Ukraine mit einer Welle von Raketen- und Drohnenangriffen überzogen. Nach Angaben ukrainischer Behörden kamen dabei mehr als 20 Menschen ums Leben, zahlreiche weitere wurden verletzt. Die Angriffe trafen mehrere Regionen des Landes gleichzeitig und richteten erhebliche Schäden an ziviler Infrastruktur an.
Besonders schwer traf es die südukrainische Großstadt Saporischschja. Gouverneur Iwan Fedorow zufolge wurden dort bei einem russischen Luftangriff zwölf Menschen getötet. Bilder aus der Stadt zeigten zerstörte Fahrzeuge und beschädigte Gebäude, Rettungskräfte bargen Verletzte aus den Trümmern. In der östlichen Stadt Kramatorsk, dem letzten bedeutenden Versorgungszentrum im Gebiet Donezk, das noch unter ukrainischer Kontrolle steht, schlug ein Angriff mitten im Stadtzentrum ein. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte mindestens fünf zivile Todesopfer dort und warnte, dass die Zahl der Opfer noch steigen könne. „Der Angriff traf direkt das Stadtzentrum und zielte auf Zivilisten", erklärte er.
Im zentralukrainischen Gebiet Poltawa wurden vier weitere Menschen getötet, darunter Mitarbeiter des staatlichen Energiekonzerns Naftogaz sowie Ersthelfer, die nach einem ersten Einschlag zur Hilfe geeilt waren. Gouverneur Witali Djakiwnytsch berichtete von 31 Verletzten und meldete Schäden an einem Industriebetrieb sowie an Eisenbahninfrastruktur. Russland hatte die Region demnach mit einer kombinierten Kombination aus Raketen und Drohnen angegriffen.
Der Zeitpunkt der Angriffe sorgte international für Empörung. Moskau hatte kurz zuvor für den 8. und 9. Mai eine zweitägige Feuerpause anlässlich der russischen Siegesfeiern zum Ende des Zweiten Weltkriegs angekündigt – und gleichzeitig die Ukraine mit einem massiven Vergeltungsschlag auf das Zentrum Kyjiws bedroht, sollte Kyjiw die Gedenkveranstaltungen stören. „Die Streitkräfte der Russischen Föderation werden einen massiven Raketenschlag auf das Zentrum von Kyjiw durchführen", hieß es in einer Erklärung des russischen Verteidigungsministeriums.
Selenskyj reagierte auf die Angriffe mit scharfer Kritik. Russland zeige „vollständigen Zynismus", indem es gleichzeitig einen Waffenstillstand für seine Parade fordere und weiterhin ukrainische Städte bombardiere. Um Moskau unter Druck zu setzen, überraschte Kyjiw die internationale Gemeinschaft mit einem eigenen diplomatischen Schachzug: Selenskyj kündigte an, dass die Ukraine in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai um Mitternacht eine eigene, einseitige Waffenruhe in Kraft setzen werde. Eine zeitliche Begrenzung nannte er nicht. Sollte Russland die Feuerpause seinerseits nicht einhalten, werde die Ukraine spiegelbildlich reagieren, so der Präsident. Damit bekräftigte Kyjiw zugleich seine grundsätzliche Bereitschaft zu einer unbefristeten Verlängerung jeglicher Waffenruhe – eine Forderung, die Moskau bislang ablehnt.
Während die Kämpfe in der Nacht andauerten, meldete die Ukraine auch eigene Angriffe tief auf russischem Territorium. In der Stadt Tscheboksary, rund 700 Kilometer östlich von Moskau, brach nach einem ukrainischen Drohnenangriff ein Feuer im Rüstungsbetrieb VNIIR-Progress aus, der nach Angaben des ukrainischen Generalstabs auch Systeme zur elektronischen Kriegsführung entwickelt. Zudem soll eine ukrainische Drohne die Ölraffinerie Kinef nahe Sankt Petersburg getroffen haben. Die Anlage zählt zu den größten des Landes und verarbeitet jährlich rund 20 Millionen Tonnen Rohöl; sie beliefert nach ukrainischen Angaben auch das russische Militär.
Hinzu kommt ein Zwischenfall am russisch besetzten Atomkraftwerk Saporischschja: Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) meldete, eine Drohne habe meteorologische Messgeräte am Kraftwerksgelände beschädigt. Ein IAEA-Expertenteam habe Schäden an Instrumenten des externen Strahlungskontrolllabors festgestellt.
Die jüngsten Entwicklungen fallen in eine Phase, in der sich das militärische Gleichgewicht an der Front nach langer Zeit wieder leicht verschoben hat. Eine Analyse der Nachrichtenagentur AFP auf Grundlage von Daten des US-amerikanischen Institute for the Study of War (ISW) zeigt, dass Russland im April erstmals seit fast drei Jahren netto Gebietsverluste verzeichnete: Unter dem Strich verlor die russische Armee die Kontrolle über rund 120 Quadratkilometer ukrainischen Territoriums. Noch im Januar hatte Russland 319 Quadratkilometer hinzugewonnen. Dem ISW zufolge haben ukrainische Gegenangriffe sowie Kommunikationsprobleme innerhalb der russischen Streitkräfte bestehende Schwächen verschärft. Auch Tauwetter und Schlamm hätten das Vorrücken der Bodeneinheiten verlangsamt.
Die Feuerpausenfrage bleibt damit ein zentrales Spannungsfeld: Während Selenskyj auf einen dauerhaften, lückenlosen Waffenstillstand unter internationaler Überwachung drängt, nutzt Moskau befristete Ruhepausen bislang vor allem als diplomatisches Instrument – ohne erkennbare Bereitschaft, den Krieg grundsätzlich zu beenden.