Minus Kalibr-Träger: Ukraine setzt erneut russisches Kriegsschiff außer Gefecht
Die ukrainischen Streitkräfte haben im russischen Hafen Primorsk ein Kriegsschiff der Klasse Karakurt zerstört – einen Träger von Marschflugkörpern des Typs Kalibr.
Die ukrainischen Verteidigungskräfte haben erneut einen empfindlichen Treffer gegen die russische Schwarzmeerflotte und maritime Infrastruktur erzielt. In einer gemeinsamen Operation wurden im Hafen Primorsk nahe Sankt Petersburg ein russisches Raketenschiff der Klasse Karakurt, ein Küstenwachboot sowie ein Tanker der sogenannten Schattenflotte außer Gefecht gesetzt. Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte die erfolgreiche Operation am Sonntag über seinen Telegramkanal und würdigte die beteiligten Einheiten für ihre koordinierte Arbeit.
Der Karakurt-Korvette kommt im russischen Kriegsarsenal eine besondere Bedeutung zu: Das kompakte Kriegsschiff ist darauf ausgelegt, Marschflugkörper vom Typ Kalibr abzufeuern, mit denen Russland in der Vergangenheit wiederholt ukrainische Städte, Kraftwerke und zivile Infrastruktur aus großer Entfernung beschossen hat. Die Zerstörung eines solchen Trägers schwächt damit unmittelbar die russische Fähigkeit, weitreichende Angriffe auf ukrainisches Territorium durchzuführen.
Selenskyj erklärte, Generalmajor Jewhen Khmara, der amtierende Leiter des ukrainischen Sicherheitsdienstes SBU, habe ihm persönlich über den erfolgreichen Angriff auf die Hafenanlagen von Primorsk Bericht erstattet. An der Operation beteiligt waren demnach der SBU, die Streitkräfte für unbemannte Systeme, die Spezialeinsatzkräfte, der Militärgeheimdienst HUR sowie Grenzschutzeinheiten. "Danke euch allen, Krieger, für die koordinierte Arbeit", schrieb Selenskyj. Neben dem Raketenschiff wurden ein Küstenwachboot sowie ein weiterer Tanker der russischen Schattenflotte getroffen. Auch die Infrastruktur des Erdölterminals wurde nach ukrainischen Angaben schwer beschädigt.
Die Schattenflotte, ein Geflecht aus überwiegend unter fremden Flaggen fahrenden Tankschiffen, nutzt Russland, um trotz westlicher Sanktionen Erdöl auf die Weltmärkte zu bringen und damit den Krieg zu finanzieren. Ukrainische Angriffe auf diese Schiffe und die dazugehörige Hafeninfrastruktur zielen daher nicht nur auf militärische Ziele, sondern auch auf die wirtschaftliche Grundlage des russischen Krieges. Selenskyj betonte, jedes solche Ergebnis schränke Russlands militärisches Potenzial ein.
Der Angriff auf den Karakurt-Raketenschiff reiht sich in eine Serie ukrainischer Schläge gegen russische Marineziele in den vergangenen Tagen ein. Bereits am frühen Morgen des 3. Mai hatte Selenskyj bekanntgegeben, dass ukrainische Streitkräfte zwei russische Tanker im Schwarzmeerhafen Noworossijsk außer Betrieb gesetzt hatten. Auch diese Schiffe dienten nach ukrainischen Angaben dem Transport von Erdöl und damit der Finanzierung des russischen Kriegsapparats. Generalstabschef Andrij Hnatow habe die Operation geleitet, hieß es, unterstützt von Kontraspionageeinheiten des SBU und der ukrainischen Marine.
In der Nacht auf den 30. April hatte die ukrainische Marine zudem zwei Boote der russischen FSB-Grenzschutzflotte angegriffen, die den Schutz der Kertschbrücke übernahmen. Dabei handelte es sich um das Patrouillenschiff "Sobol" und das Gegensabotageboot "Grachenok". Russland erlitt nach ukrainischen Angaben dabei unwiederbringliche und sanitäre Verluste. Ende April hatten außerdem ukrainische Spezialeinsatzkräfte einen Stützpunkt auf der besetzten Halbinsel Krim angegriffen, auf dem Iskander-Raketensysteme gelagert wurden. Die Anlage befand sich auf dem Gelände einer früheren Raketenbasis nahe dem Ort Owraschky, rund 40 Kilometer östlich des besetzten Simferopols – in einer Lage, von der aus russische Raketen die Frontlinie oder ukrainische Städte im Hinterland innerhalb weniger Minuten hätten erreichen können.
Selenskyj schloss seine Erklärung am Sonntag mit einem politischen Appell: Russland könne diesen Krieg jederzeit beenden. Ein weiteres Hinauszögern werde nur dazu führen, dass ukrainische Verteidigungsoperationen ausgeweitet würden. Er habe dem SBU zudem zusätzliche, nach seinen Worten "durchaus gerechte" Antworten auf russische Angriffe gegen ukrainische Städte und Dörfer genehmigt. Damit signalisiert Kyjiw, dass die ukrainische Seite bereit und in der Lage ist, die Kosten des russischen Angriffskrieges auf russischem Territorium weiter zu erhöhen – sowohl militärisch als auch wirtschaftlich.