Ukrainische Drohnen legen Russlands zweitgrößte Ölraffinerie lahm

Ukrainische Drohnen haben Russlands zweitgrößte Ölraffinerie nahe Sankt Petersburg schwer beschädigt und zur Stilllegung gezwungen. Drei von vier Primäranlagen sind ausgefallen — rund sieben Prozent der gesamten russischen Raffineriekapazität.

Ukrainische Drohnen legen Russlands zweitgrößte Ölraffinerie lahm
Foto: Streitkräfte der Ukraine

In der Nacht zum 5. Mai hat die Ukraine mit einem massiven Drohnenangriff die zweitgrößte Ölraffinerie Russlands schwer getroffen und zur Einstellung des Betriebs gezwungen. Das Werk „Kirischinetteorgsintez" im Gebiet Leningrad, nahe Sankt Petersburg gelegen, gehört zu den strategisch bedeutendsten Energieanlagen Russlands — sein Ausfall trifft nicht nur die russische Treibstoffversorgung, sondern auch die Exportkapazitäten des Landes.

Unter Berufung auf Branchenquellen berichtete die Nachrichtenagentur Reuters, dass drei der vier primären Rohölverarbeitungsanlagen des Werks bei dem Angriff beschädigt worden seien. Diese sogenannten Primärdestillationseinheiten bilden das Herzstück jeder Raffinerie: Ohne sie lässt sich Rohöl nicht weiterverarbeiten. Mit dem Ausfall von drei der vier Einheiten ist der reguläre Betrieb faktisch zum Erliegen gekommen.

Der ukrainische Sicherheitsdienst SBU bestätigte die Angaben und präzisierte, dass neben den drei Verarbeitungsanlagen auch die zugehörige Ölpumpstation in Kirischi durch den Drohnenangriff beschädigt wurde. Nach dem Einschlag brach auf dem Werksgelände ein Brand aus. Das ukrainische Generalstabskommando beteiligte sich ebenfalls an der Bestätigung der Trefferresultate.

Die Raffinerie „Kirischinetteorgsintez" gehört dem russischen Energiekonzern Surgutneftegas und verarbeitet nach Branchenangaben rund 400.000 Barrel Rohöl täglich. Das entspricht einem Jahresvolumen von etwa 18 Millionen Tonnen — oder rund sieben Prozent der gesamten russischen Raffineriekapazität. Das Werk versorgt sowohl den russischen Binnenmarkt mit Kraft- und Heizstoffen als auch den Exportmarkt und nimmt damit eine Schlüsselrolle in Russlands Energiewirtschaft ein.

Der Ausfall einer Anlage dieser Größenordnung ist keine bloß technische Betriebsunterbrechung. Russland finanziert seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine wesentlich durch Einnahmen aus dem Energieexport — Rohöl, Raffinerieprodukten und Gas machen den Löwenanteil der Staatseinnahmen aus. Schläge gegen Raffineriekapazitäten treffen Moskau daher doppelt: Sie verknappen den Treibstoff für das russische Militär und verringern die Devisen, mit denen der Krieg weiter finanziert werden kann.

Die ukrainischen Streitkräfte und Geheimdienste haben die gezielte Bekämpfung russischer Energieinfrastruktur in den vergangenen Monaten als festen Bestandteil ihrer Kriegführung etabliert. Ende April hatten ukrainische Kräfte bereits die Raffinerie Tuapse am Schwarzen Meer angegriffen und dabei nach offiziellen Angaben 24 Lagertanks zerstört sowie weitere vier beschädigt. Auch Anlagen in der Krasnodar-Region, im Raum Saratow und in anderen russischen Regionen wurden in den vergangenen Monaten immer wieder von ukrainischen Langstreckendrohnen getroffen.

Die Strategie dahinter ist klar: Je mehr Kapazitäten wegfallen, desto stärker gerät Russland unter Druck — beim Treibstoffpreis im Inland, bei der Versorgung der Streitkräfte und bei den Exporterlösen, die den Staatshaushalt speisen. Russische Behörden haben wiederholt versucht, die Folgen solcher Angriffe herunterzuspielen, doch unabhängige Branchenbeobachter und Medien wie Reuters dokumentieren die tatsächlichen Auswirkungen.

Das Werk in Kirischi steht dabei exemplarisch für eine Schwachstelle, die die Ukraine systematisch angeht: Russlands Raffinerieinfrastruktur ist zwar groß, aber vergleichsweise konzentriert und durch jahrzehntelangen Investitionsstau technisch anfällig. Die großen Anlagen sind zudem schwer zu schützen — zu weitläufig für flächendeckende Luftabwehr, zu komplex für einen schnellen Wiederaufbau.

Wie lange die Produktionsunterbrechung in Kirischi andauern wird, blieb zunächst unklar. Bei den zuletzt betroffenen Werken dauerte es in der Regel Wochen bis Monate, bis beschädigte Primäranlagen wieder in Betrieb genommen werden konnten — sofern die notwendigen Ersatzteile überhaupt verfügbar waren. Vor dem Hintergrund westlicher Sanktionen, die Russlands Zugang zu westlicher Industrietechnik einschränken, dürfte die Wiederherstellung zusätzlich erschwert sein.