Dreitägige Feuerpause ab 9. Mai: Kyjiw und Moskau einigen sich auf historischen Gefangenenaustausch
Selenskyj bestätigt: Für den 9., 10. und 11. Mai gilt eine Waffenruhe — und Russland hat einem Austausch von jeweils 1000 Kriegsgefangenen zugestimmt. Die Einigung kam unter US-amerikanischer Vermittlung zustande.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat am Donnerstagabend bestätigt, dass Russland einer dreitägigen Waffenruhe für den 9., 10. und 11. Mai sowie einem Gefangenenaustausch im Format „1000 gegen 1000" zugestimmt hat. Die Vereinbarungen kamen im Rahmen von Verhandlungen unter US-amerikanischer Vermittlung zustande und markieren eine der bedeutsamsten diplomatischen Entwicklungen seit Monaten im Ringen um eine Deeskalation des Krieges.
„In diesen Tagen gab es viele Anfragen und Signale bezüglich der Konfiguration des morgigen Tages in Moskau", schrieb Selenskyj in sozialen Netzwerken. Er spielte damit auf die Siegesparade zum 9. Mai auf dem Roten Platz an, die Russland jährlich zum Gedenken an den Sieg über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg abhält. Selenskyj machte deutlich, dass die Ukraine das Datum symbolisch anders bewertet als Moskau: „Der Rote Platz ist für uns weniger wichtig als das Leben ukrainischer Gefangener, die nach Hause zurückgebracht werden können."
Selenskyj betonte, dass die Einigung auf den Gefangenenaustausch das entscheidende humanitäre Argument für die ukrainische Positionierung gewesen sei. Innerhalb des Verhandlungsprozesses habe die Ukraine unter US-Vermittlung die Zustimmung Russlands erwirkt, einen Austausch in der bislang größten Dimension durchzuführen: jeweils tausend Gefangene auf beiden Seiten. „Die Ukraine arbeitet konsequent an der Rückführung ihrer Menschen aus russischer Gefangenschaft. Ich habe unser Team angewiesen, alles Notwendige für den Austausch unverzüglich vorzubereiten", erklärte der Präsident.
Gleichzeitig dankte Selenskyj US-Präsident Donald Trump und dessen Mannschaft ausdrücklich für das „ergebnisreiche diplomatische Engagement". Er fügte hinzu, die Ukraine rechne damit, dass die Vereinigten Staaten die Einhaltung der Vereinbarungen durch Russland sicherstellen werden. Diese Formulierung deutet auf einen gewissen Vorbehalt gegenüber der russischen Verlässlichkeit hin — eine Skepsis, die angesichts wiederholter Verstöße gegen frühere Absprachen im Verlauf des Krieges nicht überrascht.
Kurz zuvor hatte Trump in Washington erklärt, er freue sich, eine dreitägige Waffenruhe ankündigen zu können. Die Feuerpause soll laut Trump ein vollständiges Einstellen der Kampfhandlungen umfassen und gleichzeitig den Rahmen für den geplanten Gefangenenaustausch bilden. Russland bestätigte noch am selben Abend die Zustimmung zu Trumps Vorschlag.
Selenskyj unterzeichnete zudem ein Dekret, das die Abhaltung der Militärparade in Moskau am 9. Mai formal gestattet — eine symbolisch aufgeladene Geste, mit der Kyjiw demonstriert, dass es keine Angriffe auf die russische Hauptstadt an diesem Tag plant. Ukrainische Drohnenangriffe auf russisches Territorium hatten in den Wochen zuvor erhebliche Besorgnis auf russischer Seite ausgelöst; Kremlchef Wladimir Putin hatte die Ukraine in diesem Zusammenhang des „Terrorismus" beschuldigt, nachdem Drohnen unter anderem Grosnyi und Rostow angegriffen hatten.
Der Kontext der Einigung ist von erheblicher politischer Brisanz. US-Außenminister Marco Rubio hatte noch Stunden zuvor gewarnt, Washington könne sich aus den Vermittlungsgesprächen zurückziehen, falls keine greifbaren Fortschritte erzielt würden. Die Ankündigung des Waffenstillstands und des Gefangenenaustauschs kann als direktes Ergebnis dieses amerikanischen Drucks gewertet werden.
Die Vereinbarung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die militärische Lage an der Front für die Ukraine angespannt bleibt. Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj hatte kurz vor der Ankündigung erklärt, dass Russland entlang der gesamten Frontlinie angreife und an einem zentralen Abschnitt rund 106.000 Soldaten konzentriert habe. Die humanitäre Dimension des nun vereinbarten Austauschs ist daher nicht zu unterschätzen: Hinter der Zahl von 1000 freizulassenden ukrainischen Kriegsgefangenen stehen Soldatinnen und Soldaten, die teils seit Jahren unter oft dokumentierten grausamen Bedingungen in russischer Gefangenschaft festgehalten werden.
Ob die Waffenruhe tatsächlich eingehalten wird, bleibt abzuwarten. Frühere Feuerpausen — darunter einseitig von Russland ausgerufene humanitäre Korridore zu Beginn der Vollinvasion im Februar 2022 — wurden regelmäßig gebrochen. Die ukrainische Seite hat deshalb betont, die USA in der Pflicht zu sehen, die russische Einhaltung aktiv zu überwachen und durchzusetzen. Sollte der Austausch gelingen, wäre er der mit Abstand größte seit Beginn des Krieges und könnte einem weiteren Verhandlungsprozess neuen Schwung verleihen.