Ukraine entsendet Expertenteams in den Nahen Osten – und fordert im Gegenzug Luftabwehrraketen

Der Krieg im Nahen Osten gibt der Ukraine unerwarteten Aufwind: Kyjiw ist plötzlich der gefragteste Partner der Golfstaaten – und nutzt das geschickt als Hebel für eigene Waffenforderungen.

Ukraine entsendet Expertenteams in den Nahen Osten – und fordert im Gegenzug Luftabwehrraketen
Foto: mostafa meraji / Unsplash

Die Ukraine nutzt den Krieg im Nahen Osten als geopolitische Chance: Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte, dass drei ukrainische Expertenteams in die Golfstaaten Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien entsandt worden sind. Ein viertes Team reiste zudem nach Jordanien – auf gesonderte Anfrage. Im Gegenzug drängt Kyjiw auf die Lieferung dringend benötigter Raketen für die Flugabwehr, insbesondere der Typen PAC-2 und PAC-3.

Hintergrund ist der seit Kurzem schwelende Konflikt zwischen den USA sowie Israel auf der einen und dem Iran auf der anderen Seite. Die iranischen Angriffe mit Shahed-Drohnen auf Ziele in der Golfregion haben die betroffenen Länder vor eine Herausforderung gestellt, für die sie bislang kaum gerüstet waren. Die Ukraine hingegen verfügt nach fast vier Jahren Abwehrkampf gegen massiven russischen Drohnenbeschuss über einzigartiges Echtzeiterfahrung in der Drohnenabwehr – Erfahrung, die weltweit kaum ein anderes Land aufweisen kann.

Selenskyj betonte, dass ukrainische Drohnen-Abfangsysteme ohne ukrainisches Personal, ohne ukrainische Operatoren und ohne die zugehörige Software schlicht nicht funktionieren. Selbst Länder, die bislang heimlich ukrainische Abfangsysteme erworben hatten, hätten dies mittlerweile eingestanden. Damit ist die Ukraine zum unverzichtbaren Partner in einem der derzeit heißesten Konfliktherde der Welt geworden – und hat das auch diplomatisch zur Kenntnis genommen.

Das Angebot, das Kyjiw den Golfstaaten unterbreitet, ähnelt dem sogenannten „Drone Deal", den die Ukraine bereits vor einem Jahr den Vereinigten Staaten vorgeschlagen hatte. Dabei bietet Kyjiw sein Produktions-Know-how für Drohnen-Abfangsysteme sowie Kapazitäten an, die derzeit nicht vollständig ausgelastet sind. Eine entsprechende Vereinbarung mit den USA steht noch aus, doch Selenskyj signalisierte Offenheit gegenüber einer baldigen Unterzeichnung.

Bereits am 5. März hatten die Vereinigten Staaten offiziell die Ukraine um Unterstützung bei der Abwehr iranischer Drohnenangriffe gebeten. Selenskyj bekräftigte daraufhin, dass die Ukraine bereit sei, Abfangdrohnen zu liefern und Spezialisten zu entsenden – im Gegenzug für Raketenlieferungen. Mittlerweile haben insgesamt elf Länder, darunter Nachbarstaaten des Iran sowie europäische Staaten, entsprechende Hilfsanfragen an Kyjiw gerichtet.

Die Entwicklung verschafft der Ukraine eine neue diplomatische Verhandlungsmacht – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem US-Präsident Donald Trump der Ukraine wiederholt abgesprochen hatte, eine starke Position in möglichen Friedensverhandlungen zu besitzen. Die Nachfrage nach ukrainischer Drohnenexpertise aus den Golfstaaten widerlegt dieses Bild eindrucksvoll: Die Ukraine hat sich durch vier Jahre Krieg zum weltweit führenden Akteur in einem militärischen Bereich entwickelt, der für die Konflikte der Gegenwart und Zukunft immer entscheidender wird.