Kriegsverbrechen: Russische Truppen beschießen Kostjantyniwka mit Phosphor-Munition
In der ostukrainischen Stadt Kostjantyniwka in der Region Donezk soll die russische Armee am gestrigen Freitag verbotene Phosphor-Munition gegen zivile Gebiete eingesetzt haben.
Kostjantyniwka – Ukrainische Grenzschützer haben den Angriff gefilmt und als "wahres Höllenfeuer" beschrieben. Trotz der Anwesenheit von Zivilisten in der Stadt habe der Feind rücksichtslos zugeschlagen, berichten offizielle Quellen aus der Ukraine. Die Attacke unterstreicht die anhaltende Eskalation im russisch-ukrainischen Konflikt, der nun in sein fünftes Jahr geht.
Laut Angaben der ukrainischen Staatlichen Grenzschutzdienstes filmten Piloten der Spezialeinheit "Phoenix" den Vorfall zufällig mit einer Drohne. Das Video zeigt, wie weiße Phosphor-Partikel wie ein Feuerregen auf ein Wohnviertel niederprasseln und Brände auslösen. "Hier verweilen noch friedliche Bewohner der Stadt. Trotzdem hat der Feind erbarmungslos mit Phosphor zugeschlagen – einer verbotenen Substanz, die schwere Gesundheitsschäden verursacht", heißt es in einer offiziellen Mitteilung der Grenzschützer. Phosphor-Munition entzündet sich bei Kontakt mit Sauerstoff und brennt bei Temperaturen über 800 Grad Celsius. Sie kann tiefe Verbrennungen verursachen und ist nach internationalem Recht, insbesondere dem Übereinkommen über bestimmte konventionelle Waffen, gegen Zivilisten verboten.
Die 28. Separate Mechanisierte Brigade der ukrainischen Streitkräfte, benannt nach den Rittern des Winterfeldzugs, veröffentlichte ebenfalls Aufnahmen und berichtete von einem nachfolgenden Angriff mit einer FAB-1500-Luftbombe, die eine Sprengkraft von 1,5 Tonnen hat. "Unsere Piloten der R.V.-Einheit des 3. Mechanisierten Bataillons haben russische Phosphor-Angriffe auf ein Wohngebiet aufgezeichnet. Das sind verbotene Waffen, die alles Lebende verbrennen", erklärte die Brigade in einer Social-Media-Nachricht. Der Einschlag der Bombe soll weitere Zerstörungen in dem bereits brennenden Viertel verursacht haben. Bislang gibt es keine offiziellen Angaben zu Opfern oder Schäden, doch ukrainische Medien sprechen von einer "humanitären Katastrophe" in der Region, wo Tausende Zivilisten ausharren.
Der Vorfall ereignete sich inmitten anhaltender russischer Offensiven in der Donezk-Region. Kostjantyniwka, eine Stadt mit ursprünglich rund 70.000 Einwohnern, liegt nur wenige Kilometer von der Frontlinie entfernt und ist seit Beginn der Invasion im Februar 2022 wiederholt Ziel von Artillerie- und Raketenangriffen geworden. Ukrainische Behörden werfen Russland vor, systematisch zivile Infrastruktur zu zerstören, um die Bevölkerung zu vertreiben. Der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinets hat die Vereinten Nationen aufgefordert, den Angriff zu dokumentieren und eine internationale Bewertung vorzunehmen.
Russische Medien und offizielle Stellen haben bislang nicht auf die Vorwürfe reagiert. Suchen in russischen Quellen wie RT, TASS oder Sputnik ergaben keine Berichte zu dem spezifischen Vorfall. Stattdessen berichten pro-russische Accounts auf Plattformen wie X (ehemals Twitter) teils von Angriffen auf ukrainische Militärpositionen in der Nähe, ohne den Einsatz von Phosphor zu erwähnen. Ein Post eines russischen Nutzers sprach von der Zerstörung "ukrainischer terroristischer Militanten" mit FAB-Bomben, was ukrainische Kommentatoren als Desinformation brandmarkten.
Der Einsatz von Phosphor-Munition ist nicht neu im Konflikt: Bereits in früheren Phasen des Krieges, etwa in Mariupol 2022, gab es Vorwürfe gegen Russland. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag sammelt Beweise für mögliche Kriegsverbrechen. Ukrainische Experten betonen, dass jeder dokumentierte Fall die Grundlage für zukünftige Gerichtsverfahren stärkt. "Der dokumentierte Einsatz solcher Munition in Zivilgebieten hat ernste rechtliche Konsequenzen und trägt zur wachsenden Liste russischer Kriegsverbrechen bei", erklärte ein Sprecher der ukrainischen Armee.
Während der Konflikt andauert, fordern ukrainische Offizielle mehr internationale Unterstützung, einschließlich Luftabwehrsystemen, um zivile Gebiete zu schützen. Die EU und die USA haben kürzlich weitere Sanktionen gegen Russland verhängt, doch der Krieg zeigt keine Anzeichen einer baldigen Beendigung. In Kostjantyniwka und ähnlichen Frontstädten bleibt die Bevölkerung zwischen den Linien gefangen, mit ständiger Angst vor dem nächsten Angriff.