Abgehört und enthüllt: Ungarischer Außenminister Szijjártó handelte auf Anweisung Lawrows

Durchgesickerte Audioaufnahmen belegen, dass der ungarische Außenminister Péter Szijjártó auf direkten Auftrag von Russlands Außenminister Lawrow handelte – und dabei half, eine Schwester des sanktionierten Oligarchen Alischer Usmanow von der EU-Sanktionsliste zu streichen.

Abgehört und enthüllt: Ungarischer Außenminister Szijjártó handelte auf Anweisung Lawrows
Foto: vsquare.org

Ein neuer Abhörskandal erschüttert Ungarn in den letzten Wochen vor der Parlamentswahl: Durchgesickerte Audioaufnahmen zeigen, wie der ungarische Außenminister Péter Szijjártó auf direkten Auftrag des russischen Außenministers Sergej Lawrow handelte – und dabei aktiv daran arbeitete, eine mit dem Kreml verbundene Person von der EU-Sanktionsliste streichen zu lassen.

Laut dem Investigativportal VSquare rief Lawrow Szijjártó im August 2024 an – nur eine Stunde nachdem der ungarische Minister von einem Besuch in Sankt Petersburg nach Budapest zurückgekehrt war. In dem Gespräch erinnerte Lawrow daran, dass der russische Oligarch Alischer Usmanow gewünscht habe, seine Schwester Gulbachor Ismailowa von der EU-Sanktionsliste zu entfernen. Szijjártó antwortete bereitwillig: Gemeinsam mit der Slowakei werde Ungarn beim nächsten Überprüfungszyklus einen entsprechenden Antrag bei der EU einreichen – und man werde alles tun, um sie von der Liste zu streichen. Bevor er auflegte, berichtete Szijjártó noch von seinem Besuch der neuen Gazprom-Zentrale in Russland und schloss das Gespräch mit den Worten: „Ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung."

Sieben Monate später, im März 2025, wurde Ismailowa tatsächlich von der EU-Sanktionsliste gestrichen – zusammen mit dem russischen Geschäftsmann Wjatscheslaw Moshe Kantor und Russlands Sportminister Michail Degtjarjow.

Die Qualität der Aufnahme legt nahe, dass das Gespräch vom Telefon der russischen Seite mitgeschnitten wurde: Die Stimme Lawrows ist deutlich besser zu hören als jene Szijjártós. Ein europäischer Geheimdienstmitarbeiter, dem die Transkripte vorgelegt wurden, kommentierte trocken: Entferne man die Namen, würde jeder erfahrene Operationsoffizier diese Protokolle für ein Gespräch zwischen einem Geheimdienstoffizier und seinem Informanten halten.

Der Fall Ismailowa ist offenbar kein Einzelfall. Laut einem europäischen Diplomaten, der anonym mit den Journalisten sprach, bringen Ungarn und die Slowakei regelmäßig längere Listen russischer Namen in Sanktionsverhandlungen ein, mit dem Ziel, diese streichen zu lassen – ohne juristische Argumentation, allein aus politischen Gründen. Noch beim jüngsten Sanktionsverlängerungszyklus im März 2026 drängten beide Länder darauf, auch Usmanow selbst von der Liste zu entfernen. Die Verhandlungen zogen sich bis in die frühen Morgenstunden, bevor die Slowakei schließlich nachgab.

Szijjártó hat die Telefonate inzwischen bestätigt, sieht darin jedoch nichts Anstößiges: Entscheidungen der EU in Energie-, Automobil- und Sicherheitsfragen hätten direkte Auswirkungen auf Ungarns Beziehungen zu Partnern außerhalb des Blocks. Dass er dabei auf Bitten eines russischen Außenministers handelte, der im Namen eines sanktionierten Oligarchen anrief, erwähnte er nicht.

Der Skandal reiht sich ein in eine Serie von Enthüllungen: Die Washington Post hatte zuvor berichtet, Szijjártó habe Lawrow regelmäßig über Inhalte vertraulicher EU-Sitzungen informiert. Als Reaktion darauf schließt die EU Ungarn inzwischen aus besonders sensiblen Verhandlungen aus – aus Angst vor weiteren Informationslecks nach Moskau.