Zwischen Orban und Magyar: Warum die Ukraine beiden misstraut

Ungarn wählt — und die Ukraine schaut zu. Am Sonntag entscheidet sich, ob Viktor Orbán nach 16 Jahren an der Macht abgelöst wird. Für Kyjiw steht dabei weit mehr auf dem Spiel als ein Nachbarschaftsstreit.

Zwischen Orban und Magyar: Warum die Ukraine beiden misstraut
Foto: Konrad Koller / Unsplash

Am Sonntag entscheiden die Ungarn, ob Viktor Orbáns 16-jährige Herrschaft endet. Für die Ukraine wäre ein Sieg der Oppositionspartei Tisza unter Peter Magyar eine Erleichterung — aber keine Erlösung. Kyjiw geht nüchtern in den Wahltag: Niemand rechnet mit Wundern.

Die Stimmung zwischen den beiden Nachbarländern hat einen historischen Tiefpunkt erreicht. Orbán hat in den vergangenen Monaten die EU-Hilfe für die Ukraine blockiert und Sanktionen gegen Moskau torpediert — unter anderem im Streit um die Druschba-Pipeline. Parallel dazu schürte er im Inland gezielt antiukrainische Stimmung, um Wähler zu mobilisieren. Zsuzsanna Vegh vom German Marshall Fund of the United States bringt es auf den Punkt: Nach dem Ausmaß der Dämonisierung im ungarischen Wahlkampf werde es sehr schwer sein, zu einem weniger radikalen Ton zurückzukehren — egal wie die Wahl ausgeht.

Die Umfragen geben Magyars Tisza-Partei einen deutlichen Vorsprung. Das Meinungsforschungsinstitut Median sieht die Partei auf Kurs zu einer Supermehrheit von 138 bis 142 Sitzen im 199-köpfigen Parlament — gegenüber 49 bis 55 für Orbáns Fidesz. Doch die Geschichte mahnt zur Vorsicht: Auch vor der Wahl 2022 lag die Opposition in den Umfragen gleichauf mit Fidesz, bevor Orbán schließlich klar gewann. Seitdem hat seine Partei das Wahlrecht weiter zu ihren Gunsten verändert, die Medienlandschaft unter Kontrolle gebracht und Wahlkreise nach Belieben neu zugeschnitten. Ein weiterer Orbán-Sieg ist nicht auszuschließen.

Was würde das für die Ukraine bedeuten? Ein ukrainischer Regierungsvertreter, der anonym bleiben wollte, formulierte es so: Man wisse in etwa, was man von Orbán zu erwarten habe, und habe gelernt, mit ihm umzugehen. Aber andere Beobachter sind pessimistischer. Ein neuerlicher Wahlsieg könnte Orbán weiter ermutigen — er dürfte dann noch aggressiver an der Blockade des geplanten EU-Kredits von 90 Milliarden Euro für die Ukraine festhalten und die Wiederkehr russischer Öltransporte einfordern.

Besonders brisant ist die internationale Konstellation dieser Wahl: Sowohl Washington als auch Moskau stehen offen auf Orbáns Seite. US-Vizepräsident JD Vance reiste diese Woche nach Budapest, um dem Amtsinhaber öffentlich den Rücken zu stärken. US-Präsident Donald Trump schaltete sich per Telefon in eine Fidesz-Wahlkampfveranstaltung ein. Gleichzeitig sollen russische Geheimdienstmitarbeiter nach Ungarn entsandt worden sein, um die Wahl im Sinne Moskaus zu beeinflussen. Geleakte Audiomitschnitte zeigen zudem, wie eng Budapest seinen Kurs mit dem Kreml koordiniert hat — unter anderem, um Kyjiws EU-Beitrittsgespräche zu sabotieren.

Peter Magyar hingegen gibt sich demonstrativ souverän. Vances Besuch nutzte er, um jede Form ausländischer Einflussnahme zu verurteilen: Ungarns Geschichte werde nicht in Washington, Moskau oder Brüssel geschrieben, sondern auf Ungarns Straßen und Plätzen. Ein klares Signal — und zugleich eine Abgrenzung von Orbáns Rhetorik, der seinerseits der Ukraine vorwirft, in den ungarischen Wahlkampf einzugreifen.

Doch auch ein Magyar-Sieg wäre für Kyjiw kein Freifahrtschein. Der Oppositionsführer hat sich geweigert, Waffenlieferungen an die Ukraine zu unterstützen. Er lehnt eine beschleunigte EU-Mitgliedschaft Kyjiws ab und hat bislang keine konkreten Aussagen zu seiner künftigen Ukrainepolitik gemacht. Tisza ist keine pro-ukrainische Partei, wie Analyst Daniel Hegedüs vom Institut für Europäische Politik betont. Magyar möchte Ungarn von seiner Energieabhängigkeit gegenüber Russland bis 2035 lösen und das von Rosatom gebaute Atomkraftwerk Paks überprüfen lassen — aber russische Energieimporte sollen nicht von heute auf morgen enden. Ein "pragmatischer" Umgang mit Moskau ist das erklärte Ziel.

Was Kyjiw realistischerweise erhoffen kann, ist eine Verringerung des Konfrontationskurses. Der ukrainische Abgeordnete Wolodymyr Arjew von der Oppositionspartei Europäische Solidarität sagt, der Spannungspegel würde nach einem Machtwechsel rasch sinken — grundlegende Veränderungen kämen aber nicht von heute auf morgen. Ungarn müsse als Nachbar ein freundliches, prowestliches Land sein, das Kyjiws Weg in die EU unterstütze — das sei die berechtigte Erwartung der Ukraine. Aber ob Magyar diese Erwartung erfüllt, bleibt offen.

Fest steht: Die Wahl von morgen ist für die Ukraine eine der bedeutsamsten außerhalb ihrer eigenen Grenzen — ein Richtungsentscheid, der über Milliardenhilfen, Sanktionspolitik und die Zukunft der EU-Beitrittsgespräche mitentscheiden wird. Kyjiw beobachtet, hofft — und hält die Erwartungen bewusst niedrig.