Washington bittet Kyjiw um Hilfe: Ukraine soll Nahen Osten vor Shahed-Drohnen schützen
Die USA haben die Ukraine offiziell um konkrete Unterstützung beim Schutz von Ländern im Nahen Osten gegen iranische Shahed-Drohnen gebeten. Selenskyj hat bereits reagiert – und sieht darin eine strategische Chance für die Ukraine.
Es ist eine Anfrage, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre: Die Vereinigten Staaten haben die Ukraine um direkte Unterstützung beim Schutz von Partnerländern im Nahen Osten gegen den massiven iranischen Drohnenbeschuss gebeten. Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte den Vorgang am Donnerstagabend in seinem Telegram-Kanal und teilte mit, er habe bereits entsprechende Anweisungen erteilt – sowohl zur Bereitstellung konkreter Mittel als auch zur Entsendung ukrainischer Spezialisten.
„Die Ukraine hilft den Partnern, die unserer Sicherheit und dem Schutz des Lebens unserer Menschen helfen", schrieb Selenskyj.
Vom Kriegsschauplatz zum Sicherheitsexporteur
Dass Washington überhaupt auf Kyjiw zugeht, ist das Ergebnis einer ungewöhnlichen historischen Verdichtung: Seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs im Jahr 2022 hat die Ukraine im täglichen Kampf gegen Massen russischer Shahed-Drohnen ein Wissen und eine Technik aufgebaut, die weltweit einzigartig sind. Kein anderes Land verfügt über vergleichbare Echtzeiterfahrung im Abfangen dieser Waffen.
Als Iran seit dem 28. Februar mit hunderten Drohnen und Raketen Länder in der Golfregion angriff, zeigte sich schnell: Die dortigen Luftverteidigungssysteme sind auf diese Art von Massenbedrohung nicht vorbereitet. Teure Patriot-Raketen wurden gegen billige Shahed-Drohnen verschossen, Radarsysteme wurden getroffen, Infrastruktur beschädigt. Der Ruf nach ukrainischer Expertise wurde laut – zunächst aus London, dann aus den Golfstaaten selbst, und nun offiziell aus Washington.
Was die Ukraine anbietet – und was sie dafür erwartet
Selenskyj hatte bereits in den Tagen zuvor deutlich gemacht, was Kyjiw im Austausch erwartet. Die Ukraine ist bereit, Drohnenabfangsysteme zu liefern und eigene Fachleute vor Ort zu entsenden – im Gegenzug für PAC-3-Patriot-Abfangraketen, die die Ukraine dringend zur Verteidigung gegen russische ballistische Raketen benötigt.
Parallel analysiert Kyjiw nach eigenen Angaben, wie viele Abfangdrohnen die Ukraine kurzfristig abgeben und zusätzlich produzieren kann, sollte eine entsprechende Vereinbarung mit Partnern zustande kommen. Die Fähigkeiten der Ukraine werden dabei auch auf EU-Ebene anerkannt: EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas erklärte, die EU werde prüfen, ob sie die ukrainische Drohnenabwehrproduktion unterstützen kann.
Neue Rolle auf der Weltbühne
Die Entwicklung markiert eine bemerkenswerte Verschiebung in Kyjiws außenpolitischem Standing. Noch vor einem Jahr war die Ukraine vor allem Empfänger westlicher Sicherheitshilfe. Nun wird sie selbst zum gefragten Anbieter – mit Expertise, die selbst die mächtigste Militärmacht der Welt nicht hat.
Für Selenskyj ist das auch innenpolitisch bedeutsam: In einem Moment, in dem Friedensgespräche stocken, Diplomatie auf Eis liegt und internationale Aufmerksamkeit zum Iran abwandert, demonstriert Kyjiw, dass die Ukraine ein aktiver und unverzichtbarer Akteur der globalen Sicherheitsarchitektur ist – kein passives Kriegsopfer, das auf Hilfe wartet, sondern ein Partner, der Gegenleistungen erbringt.
Ob daraus ein dauerhaftes strategisches Tauschgeschäft wird – ukrainische Drohnenabwehr gegen westliche Raketenvorräte – wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Die Verhandlungen laufen.