Verliert die Ukraine ihre Jugend? Heftiger Streit um die „furchterregende“ Zahl von 500.000 Auswanderern
Die Ukraine blutet demografisch aus. Ein Abgeordneter schlägt nun Alarm und nennt eine schwindelerregende Zahl: Allein im letzten halben Jahr sollen eine halbe Million junger Menschen das Land verlassen haben. Der Grenzschutz widerspricht, doch die Diskussion trifft einen wunden Punkt.
Es sind Zahlen, die das düstere Bild einer ungewissen Zukunft malen. Serhij Nahornjak, Abgeordneter der Präsidentenpartei „Diener des Volkes“, sprach im Fernsehen Klartext: „Die Zahlen sind für uns sehr furchterregend.“ Nach seinen Informationen – die er auf Schätzungen von Grenzbeamten stützt – haben in nur sechs Monaten mehr als 500.000 junge Ukrainer ihrer Heimat den Rücken gekehrt.
„Warschau ist wie Kyjiw, nur mit Licht“
Nahornjak schilderte seine Eindrücke von Dienstreisen nach Polen drastisch. „Wenn man in Warschau landet und ein Taxi ruft, kommen fast nur Ukrainer. In Restaurants, Cafés, Geschäften – überall trifft man unsere Jugend“, so der Abgeordnete.
Sein bitteres Fazit: „Warschau und Kyjiw unterscheiden sich heute nur noch durch das Fehlen von Licht und Wärme in unserer Hauptstadt.“ Bei jeder Begegnung im Ausland, ob in Polen oder der Schweiz, bitte er die jungen Landsleute inständig um Rückkehr: „Wir brauchen unsere Ukrainer.“
Grenzschutz dementiert: „Statistik ist verzerrt“
Die dramatische Zahl von 500.000 blieb jedoch nicht unwidersprochen. Andrij Demtschenko, Sprecher des staatlichen Grenzschutzdienstes (DPSU), wies die Darstellung zurück. Die Zahl entspreche nicht der Realität, da sie einen entscheidenden Faktor ignoriere: die Pendelbewegungen.
„Wenn eine Person mehrfach ausreist und wieder zurückkehrt, wird sie in dieser Art von Statistik jedes Mal als ‚Ausreise‘ gezählt“, erklärte Demtschenko. Zwar führe der Grenzschutz keine detaillierte Altersstatistik für die Öffentlichkeit, doch Daten aus den Nachbarländern zeigten, dass die Zahl der dauerhaften Ausreisen von jungen Männern (18–22 Jahre) deutlich niedriger sei.
Der Hintergrund: Ein demografischer Abgrund
Unabhängig vom Streit um die exakte Zahl in den letzten sechs Monaten ist der Trend alarmierend. Der Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinez sprach Ende 2025 von bis zu 11 Millionen Ukrainern, die sich im Ausland befinden könnten – auch wenn das Außenministerium offiziell von 8,5 Millionen ausgeht.
Der Streit um die Statistik offenbart die tiefe Nervosität in Kyjiw. Ob es nun 500.000 oder weniger sind: Jeder junge Mensch, der geht und nicht zurückkehrt, fehlt beim Wiederaufbau und in der Verteidigung. Die Aussage, dass Warschau heute wie ein „Kyjiw mit Licht“ wirkt, ist dabei mehr als eine Anekdote – sie ist das Symbol für den existenziellen Kampf der Ukraine um ihre nächste Generation.