Unter der Erde zur Schule: 20.000 Kinder lernen in Charkiws U-Bahn-Stationen

Während russische Raketen und Drohnen Charkiw täglich in Angst und Schrecken versetzen, haben 20.000 Kinder einen ungewöhnlichen Ausweg gefunden: Sie lernen tief unter der Erde – in Klassenzimmern, die in den Stationen des U-Bahn-Netzes eingerichtet wurden.

Unter der Erde zur Schule: 20.000 Kinder lernen in Charkiws U-Bahn-Stationen
Foto: eef.org.ua

Charkiw – Maksym nimmt jeden Morgen die U-Bahn zur Arbeit. Doch der Schulleiter und Englischlehrer aus Charkiw muss die Station nicht verlassen, um seine Schüler zu sehen. Seine Schule befindet sich direkt in der U-Bahn-Station Oleksandr Maselsky im Südosten der Stadt – wenige Meter von vorbeirauschenden Zügen und eiligen Pendlern entfernt.

Was einst ein zugiger Flur an einem seit drei Jahrzehnten geschlossenen Seitenausgang war, ist heute eine provisorische „Metro-Schule" mit dünnen weißen Plastiktüren und vier beengten Klassenzimmern. Fast 2.000 Schulkinder und Vorschüler lernen hier in Schichten – sieben Tage die Woche, das ganze Jahr über.

Sicherheit als oberstes Gebot

Charkiw ist die zweitgrößte Stadt der Ukraine und liegt nur 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Seit Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 wurden in der Region mehr als 100 Kinder und rund 3.000 Zivilisten durch russische Artillerie, Mehrfachraketenwerfer, Drohnen und Raketen getötet. Erst vor wenigen Tagen schlug eine russische Rakete in ein Wohnhaus ein und tötete dabei ein neunjähriges und ein dreizehnjähriges Kind sowie neun Erwachsene.

Mehrmals täglich heulen Luftalarmsirenen über der Stadt. Zuletzt kam eine neue Bedrohung hinzu: russische Drohnen, die über glasfaseroptische Kabel gesteuert werden und damit gegen elektronische Störmaßnahmen weitgehend immun sind. In diesem Kontext wurde das weitverzweigte U-Bahn-Netz der Stadt mit seinen 30 Stationen zum sichersten und zugänglichsten Ort für den Schulbetrieb.

Bereits acht solcher Metro-Schulen sind in Betrieb, dazu kommen zehn weitere Schulen in Kellern und Bunkern im gesamten Gebiet Charkiw. Zusammen versorgen sie rund 20.000 Schülerinnen und Schüler mit Unterricht – alle regulären Schulen der Stadt sind geschlossen.

Für die Kinder selbst ist die wichtigste Eigenschaft ihres ungewöhnlichen Schulgebäudes klar. „Ich lerne hier gerne, treffe Freunde – weil es sicher ist", so ein neunjähriges Mädchen. Auch Lehrer Maksym beschreibt die Station als mentalen Schutzraum: Hier müsse man nicht an den Krieg denken, sondern könne sich ganz auf das Unterrichten konzentrieren.

Alltag unter der Erde

Unter dem fahlen Licht der Leuchtstoffröhren lernen, kommunizieren und spielen die Kinder miteinander – statt wie viele ihrer Altersgenossen online von zuhause aus zu „unterrichten", in Wohnungen und Häusern, die jederzeit von einer Drohne oder Rakete getroffen werden können. Täglich werden weiße Plastikboxen mit Mittagessen geliefert, dazu Kessel mit Uzvar – einem ukrainischen Getränk aus gekochten Trockenfrüchten.

Ein Bus holt die Kinder ab, die im Einzugsgebiet der Schule wohnen. Dabei legen die Organisatoren besonderen Wert darauf, dass Kinder nicht an Bushaltestellen warten müssen – denn auch die können jederzeit zum Ziel eines Drohnenangriffs werden. Im August 2025 traf eine Drohne ein Wohnhaus im Stadtbezirk Industrialny, wobei ein eineinhalb Jahre altes Mädchen, ein 16-jähriger Jugendlicher und fünf Erwachsene ums Leben kamen.

Skepsis der Eltern wich dem Andrang

Nicht alle Eltern waren von Anfang an überzeugt. Die Stadtbildungsbehörde musste anfangs intensiv Überzeugungsarbeit leisten. Heute sieht die Lage anders aus: Es gibt Wartelisten für die Metro-Schulen, berichtet Stadtsprecherin Darja Karjuk-Winogradowa. Die Mutter Oksana etwa brachte ihren Sohn Nazar, einen Erstklässler, der wegen der Corona-Pandemie nie einen Kindergarten besucht hatte, ohne jeden Zweifel in die Metro-Schule. „Dies ist sicherer, als alleine vor einem Bildschirm zu sitzen", sagt die 39-Jährige.

Verwüstete Schullandschaft

Das Ausmaß der Zerstörung im Bildungssystem ist erschreckend. Bis Anfang 2026 wurden landesweit mehr als 4.000 Schulen, Kindergärten und Universitäten beschädigt oder vollständig zerstört. Allein in Charkiw sind 134 von 184 Schulen betroffen – mehr als zwei Drittel. Viele müssen von Grund auf neu gebaut werden.

Russland hat zivile Bildungseinrichtungen von Anfang an systematisch ins Visier genommen. Auf besetztem Territorium wurden Schulen bisweilen zu Lagerstätten umfunktioniert. Im Dorf Jahidne im Norden der Ukraine wurden im Frühjahr 2022 alle 368 Bewohner – darunter rund 60 Kinder – für 27 Tage im Keller der Dorfschule gefangen gehalten, mit kaum Nahrung oder Wasser. 17 Menschen starben dort; ihre Leichen lagen tagelang neben den Lebenden, bis die Besatzer deren Abtransport erlaubten.

Ein neues Schulfach: Überleben

Der Lehrplan in den Metro-Schulen entspricht weitgehend dem normalen Curriculum – mit einer Besonderheit: dem neu eingeführten Pflichtfach „Verteidigung der Ukraine". Es umfasst Erste-Hilfe-Unterricht und grundlegende Überlebensfertigkeiten.

Für viele Kinder erfüllen die Schulen noch eine weitere wichtige Funktion: die sprachliche und kulturelle Bildung in ukrainischer Sprache. Charkiw, obwohl die Wiege des ukrainischen Nationalismus und frühere Hauptstadt der Sowjetukraine, hatte bis in die 1970er-Jahre vollständig auf Russisch umgestellt. Russisch ist in der Stadt nach wie vor allgegenwärtig. Die Metro-Schulen sind für viele Kinder der einzige Ort, an dem sie konsequent auf Ukrainisch unterrichtet werden und die Sprache aktiv üben können.

In der Metro-Schule von Charkiw ist das längst Wirklichkeit – tief unter der Erde, wo Raketen und Drohnen nicht hinkommen.