Ukrainische Drohnenabwehr als Exportschlager: Wie Kyjiw der Welt das Kämpfen lehrt

Was ukrainische Soldaten aus der Not heraus erfanden, hat sich zum gefragtesten Exportgut des Krieges entwickelt: Kyjiws improvisierte Drohnenabwehr übertrifft Millionenraketen – und die halbe Welt will jetzt wissen, wie das geht.

Ukrainische Drohnenabwehr als Exportschlager: Wie Kyjiw der Welt das Kämpfen lehrt
Ukrainischer Soldat im Kriegsgebiet

Die ukrainische Frontlinie hat sich in den vergangenen Jahren zu einem globalen Innovationslabor der modernen Kriegsführung entwickelt. Mitten unter Beschuss tüfteln ukrainische Soldaten an Technologien, die weltweit Aufmerksamkeit erregen – und die zunehmend auch anderen Ländern helfen sollen, mit der wachsenden Drohnenbedrohung umzugehen. Das berichtet die Nachrichtenagentur Associated Press.

Im Herbst 2022 verfügte die Ukraine kaum über wirksame Mittel gegen die iranischen Shahed-Drohnen, mit denen Russland ukrainische Städte und Infrastruktur systematisch angreift. Heute operieren mobile Abfangteams im ganzen Land und schalten die Geschosse direkt in der Luft aus – mit Eigenentwicklungen, die unter realen Kampfbedingungen entstanden sind.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die 127. Brigade, deren Soldaten Abfangdrohnen selbst testen und weiterentwickeln. „Wir haben damit angefangen, weil wir nichts anderes hatten", erklärt ein Pilot schlicht. Der Ansatz war anfangs umstritten. Viele Experten zweifelten, dass kleine Drohnen schnell genug sein könnten, um die wendigen Shaheds zu stellen, oder dass Russland nicht binnen weniger Wochen wirksame Gegenmaßnahmen entwickeln würde. Beide Befürchtungen erwiesen sich als falsch.

Das Kostenargument ist dabei kaum zu übersehen: Eine ukrainische Abfangdrohne kostet rund 2.200 Dollar. Eine Patriot-Rakete kostet rund zwei Millionen Dollar. Hinzu kommt, dass eine Drohne, die ihr Ziel verfehlt, oft wiederverwendet werden kann – ein entscheidender Vorteil im Abnutzungskrieg.

Den Übergang vom Einzelexperiment zur systematischen Anwendung organisiert unter anderem die Hilfsorganisation „Vernes schiwy" – zu Deutsch etwa „Kehr lebend zurück" – mit ihrem Projekt Dronopad. Es vernetzt Militär und Rüstungsunternehmen, um erfolgreiche Lösungen zu skalieren. Projektleiter Taras Tymotschko bringt das Prinzip dahinter auf den Punkt: Es sei ein ständiges Spiel aus Aktion und Gegenreaktion – und genau das treibe die Evolution des Drohnenkriegs voran. Entwicklungsstandorte sind über das ganze Land verteilt, darunter auch Charkiw, das selbst regelmäßig unter russischen Angriffen leidet.

Die internationale Aufmerksamkeit für diese ukrainischen Methoden wächst rapide. Seit dem Ausbruch des Krieges zwischen den USA und dem Iran und den damit verbundenen Drohnenangriffen iranischer Verbände schauen Streitkräfte rund um den Globus nach Kyjiw – darunter Länder des Nahen Ostens, die nun mit denselben Shahed-Systemen konfrontiert sind, die Russland jahrelang gegen die Ukraine eingesetzt hat. Ukrainische Drohnenspezialisten beobachten dabei mit einem gewissen Erstaunen, wie selbst hochgerüstete westliche Streitkräfte Mühe haben, mit der Drohnenbedrohung umzugehen. Im Emirat Katar etwa sind mehr als 30 Patriot-Systeme stationiert – doch lediglich acht Flugabwehrkanonen erwiesen sich als effektiv gegen tieffliegende Drohnen auf kurze Distanz.

Tymotschko zieht ein nüchternes Fazit: „Viele haben das als Luftverteidigung für Arme bezeichnet. Aber es stellt sich heraus, dass Luftverteidigung für Arme manchmal wirksamer sein kann als Luftverteidigung für Reiche."