Ukrainische Armee meldet erstmals seit Sommer 2024 mehr Geländegewinne als Verluste

Die ukrainischen Streitkräfte verzeichnen im Süden des Landes einen spürbaren Erfolg.

Ukrainische Armee meldet erstmals seit Sommer 2024 mehr Geländegewinne als Verluste
Foto: Ukrainisches Militär

Kyjiw – Im Gebiet Saporischschja haben sie seit Ende Januar neun Siedlungen zurückerobert. Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj spricht von einem Wendepunkt – erstmals seit dem Sommer 2024 hätten die eigenen Truppen in einem Monat mehr Territorium befreit, als die russischen Angreifer erobern konnten. Unabhängige Kartenanalysen bestätigen: Der russische Vormarsch ist so langsam wie seit 20 Monaten nicht mehr.

Die Meldung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem der Krieg in der Ukraine bereits ins dritte Jahr geht und viele Beobachter von einer reinen Abwehrschlacht der ukrainischen Seite ausgingen. Doch die neuesten Zahlen aus dem Generalstab und dem ukrainischen Kartenprojekt DeepState zeichnen ein anderes Bild. „Unsere Soldaten haben nicht nur gehalten, was sie hatten – sie haben aktiv zurückgeschlagen“, sagte Oberbefehlshaber General Oleksandr Syrskyj am Montag in einer Videoansprache. „Im Februar haben wir mehr Quadratkilometer befreit als verloren. Das ist das erste Mal seit dem Sommer 2024.“

Konkret nennt das ukrainische Militär neun Siedlungen im Gebiet Saporischschja, die seit Ende Januar wieder unter ukrainischer Kontrolle stehen. Darunter sollen kleinere Ortschaften wie die ehemaligen Frontdörfer in der Nähe von Orikhiv und Huliaipole sein. Syrskyj sprach von „präzisen, gut vorbereiteten Operationen“ mit Drohnen, Artillerie und Spezialeinheiten. Die russischen Truppen seien an mehreren Abschnitten gleichzeitig unter Druck gesetzt worden, sodass sie ihre eigenen Angriffe nicht mehr koordinieren konnten.

Unabhängig bestätigt wird die Entwicklung durch das ukrainische Open-Source-Projekt DeepState, das seit Kriegsbeginn täglich die Frontlinie kartiert. Demnach eroberten russische Verbände im gesamten Februar lediglich 126 Quadratkilometer ukrainisches Territorium – der niedrigste Monatswert seit 20 Monaten. Zum Vergleich: Im Januar 2025 waren es noch über 400 Quadratkilometer, im Sommer 2024 sogar zeitweise mehr als 800. „Der russische Vormarsch ist praktisch zum Stillstand gekommen“, schreiben die Analysten von DeepState in ihrem monatlichen Bericht. „An vielen Stellen bewegen sich die Linien nur noch wenige Hundert Meter pro Woche – oft in beide Richtungen.“

Warum gerade jetzt?

Militärexperten sehen mehrere Gründe für den ukrainischen Erfolg. Zum einen hat Kyjiw in den vergangenen Monaten massiv in Drohnenproduktion investiert. Die neuen FPV-Drohnen und Langstreckenmodelle vom Typ „Baba Yaga“ haben die russische Logistik im Hinterland von Saporischschja massiv gestört. Russische Nachschubkonvois und Munitionsdepots werden seit Wochen gezielt angegriffen. Zum anderen scheint die russische Armee unter Personalmangel zu leiden: Nach Schätzungen des britischen Geheimdienstes hat Moskau allein im Februar über 30.000 Soldaten verloren – mehr als in manchen gesamten Monaten des Jahres 2024.

„Die Russen greifen weiter an, aber sie beißen sich die Zähne aus“, sagt Oberst a. D. Markus Reisner, Militärexperte der österreichischen Streitkräfte, in einem Interview mit dem ORF. „Die ukrainische Verteidigung ist tief gestaffelt, die Truppen sind hochmotiviert und die westliche Munition – vor allem 155-Millimeter-Artillerie und HIMARS-Raketen – trifft endlich wieder regelmäßig.“ Auch die ukrainische Luftwaffe spielt eine größere Rolle als noch vor einem Jahr: Seit die ersten F-16-Kampfjets im Einsatz sind, können ukrainische Piloten russische Stellungen gezielter angreifen, ohne sofort abgeschossen zu werden.

Die Lage vor Ort: Von der Gegenoffensive 2023 zum Stellungskrieg

Das Gebiet Saporischschja war bereits 2023 Schauplatz der großen ukrainischen Gegenoffensive. Damals gelang es den ukrainischen Truppen zwar, einige Dörfer zu befreien, doch der große Durchbruch blieb aus. Russland hatte die Front mit Minenfeldern, Panzergräben und Drohnenüberwachung in eine tödliche Festung verwandelt. Im Sommer 2024 drehte sich das Blatt erneut: Russische Einheiten eroberten mehrere Ortschaften östlich von Robotyne und drangen langsam in Richtung des Dnipro vor. Viele Beobachter sprachen bereits von einem „russischen Sieg auf Raten“.

Umso bemerkenswerter ist nun der Umschwung. Syrskyj betonte, dass die neun zurückeroberten Siedlungen nicht nur symbolisch wichtig seien: „Jedes befreite Dorf bedeutet Hunderte Zivilisten, die wieder in Sicherheit leben können, und Entlastung für unsere Fronttruppen.“ Tatsächlich berichten ukrainische Medien von ersten Rückkehrern in die befreiten Orte. Familien, die monatelang in Notunterkünften in Saporischschja oder Dnipro gelebt hatten, packen bereits ihre Koffer.

Russische Reaktion: Schweigen und neue Angriffe

Aus Moskau gibt es bisher keine offizielle Stellungnahme zu den ukrainischen Geländegewinnen. Das russische Verteidigungsministerium spricht weiter von „planmäßigen Erfolgen“ und „Befreiung“ weiterer Dörfer – ohne Zahlen zu nennen. Auf russischen Telegram-Kanälen wird hingegen offen über „hohe Verluste“ und „mangelnde Munition“ geklagt. Einige prorussische Blogger sprechen sogar von einer „Krise im Süden“.

Militärisch reagiert Russland mit verstärkten Raketenangriffen auf die ukrainische Energieinfrastruktur. In der Nacht zum Montag schlugen mehrere Drohnen und Raketen in der Region Odessa und Dnipropetrowsk ein. Energieexperten warnen, dass der kommende Frühling wieder zu Stromausfällen führen könnte. „Putin versucht, die ukrainische Bevölkerung moralisch zu brechen, weil er an der Front nicht mehr vorankommt“, analysiert die ukrainische Militäranalystin Olena Bilozerska.

Politische und internationale Auswirkungen

In Kyjiw wird die Meldung als großer Erfolg gefeiert. Präsident Wolodymyr Selenskyj gratulierte den Soldaten persönlich per Videobotschaft und versprach weitere Verstärkung: „Jeder Quadratkilometer zählt. Jeder Meter, den wir zurückholen, bringt uns dem Frieden näher.“ Gleichzeitig fordert er die westlichen Partner auf, die Lieferungen von Langstreckenwaffen und Flugabwehrsystemen zu beschleunigen. „Wir beweisen gerade, dass wir mit den richtigen Mitteln gewinnen können.“

In Washington und Berlin wird die Entwicklung aufmerksam verfolgt. US-Verteidigungsminister Lloyd Austin lobte in einer Stellungnahme die „beeindruckende Widerstandskraft“ der Ukraine. Die EU-Außenminister wollen bei ihrem Treffen in Brüssel kommende Woche über weitere Sanktionspakete gegen Russland beraten. Gleichzeitig mehren sich Stimmen, die eine diplomatische Lösung fordern – allerdings nur „auf der Grundlage der ukrainischen Bedingungen“, wie es aus dem Auswärtigen Amt in Berlin heißt.

Was bedeutet das für den weiteren Kriegsverlauf?

Militärexperten warnen davor, den ukrainischen Erfolg überzubewerten. 126 Quadratkilometer russischer Geländeverlust klingen gering, wenn man die gesamte Frontlänge von über 1.000 Kilometern betrachtet. Dennoch hat der psychologische Effekt eine enorme Bedeutung. „Wenn die Ukrainer zeigen, dass sie nicht nur verteidigen, sondern auch angreifen können, sinkt die Moral auf russischer Seite und steigt die Bereitschaft im Westen, weiter zu helfen“, sagt der britische Russland-Experte Lawrence Freedman von der King’s College London.

DeepState plant bereits die nächste Monatsauswertung für März. Sollte der Trend anhalten, könnte sich die Front in Saporischschja erstmals seit zwei Jahren wieder spürbar in Richtung Osten verschieben. Für die ukrainische Bevölkerung wäre das ein Lichtblick nach Jahren der Zerstörung und Vertreibung.

Die ukrainischen Soldaten an der Front formulieren es einfacher. Ein Kommandeur einer Drohnen-Einheit, der namentlich nicht genannt werden will, sagt: „Wir haben genug davon, nur zurückzuweichen. Jetzt holen wir uns unser Land zurück – Meter für Meter, Dorf für Dorf.“

Der Krieg in der Ukraine ist noch lange nicht entschieden. Doch der Februar 2026 könnte eines Tages als der Monat in die Geschichte eingehen, in dem die Ukraine bewiesen hat: Sie kann nicht nur überleben – sie kann auch zurückschlagen.