Ukraine trotzt westlichem Druck und greift weiter russische Ölinfrastruktur an
Westliche Verbündete haben die Ukraine gebeten, russische Ölanlagen vorerst zu verschonen – Kyjiw lehnt ab und greift weiter an: ein offener Konflikt über Kriegsstrategie und Energiepolitik.
Trotz Bitten westlicher Verbündeter, angesichts des globalen Energiepreisschocks durch den Iran-Krieg auf Angriffe gegen russische Öl- und Gasanlagen zu verzichten, setzt die Ukraine ihre Drohnenkampagne gegen russische Energieinfrastruktur konsequent fort. Das berichtete die britische Tageszeitung The Telegraph am Sonntag. Kyjiw macht damit deutlich, dass es sich in seiner Kriegsstrategie von westlichen Interessen nicht beirren lässt – selbst wenn diese mit eigenen wirtschaftlichen Überlegungen kollidieren.
Zuletzt wurden der Ölverladeterminal Prymorsk nahe Sankt Petersburg sowie die Raffinerie „Lusskoil-Nischegnodnefteorgsintez" in der Oblast Nischni Nowgorod angegriffen und beschädigt. Beide Angriffe erfolgten mit Drohnen ukrainischer Produktion. The Telegraph hält in seinem Bericht fest, dass die USA der Ukraine zwar keine Waffen für solche Einsätze zur Verfügung stellen – wohl aber Geheimdienstdaten für die Planung solcher Schläge, wie bereits zuvor berichtet worden war.
Den westlichen Appell zum Verzicht auf Energieangriffe hatte Budjanov, Leiter des Präsidentenbüros und ukrainischer Geheimdienstchef, am Vortag öffentlich bestätigt: Verbündete hätten die Ukraine tatsächlich gebeten, Angriffe auf russische Energieobjekte zu reduzieren, solange der Krieg in der Golfregion andauere. Die Ukraine hat diese Bitte offenkundig abgelehnt.
Die Logik dahinter ist aus Kyjiws Sicht klar: Russische Raffinerien und Ölexportanlagen sind keine neutralen Wirtschaftsobjekte – sie finanzieren unmittelbar den Staatshaushalt und damit den Krieg gegen die Ukraine. Jeder Barrel Öl, der nicht exportiert wird, bedeutet weniger Geld für russische Rüstungsproduktion und Truppennachschub. Aus dieser Perspektive sind Angriffe auf Ölinfrastruktur eine direkte Verlängerung der Frontarbeit mit anderen Mitteln.
Das westliche Unbehagen erklärt sich aus einer anderen Logik: Der Iran-Krieg hat die Straße von Hormus faktisch blockiert, durch die rund 20 Prozent des weltweiten Ölexports fließen. Die dadurch ausgelöste Knappheit treibt die Energiepreise global in die Höhe und verschärft Rezessionsängste in Europa und Nordamerika. Weitere ukrainische Angriffe auf russische Ölförderung und -verarbeitung – so die Sorge westlicher Regierungen – könnten das ohnehin angespannte globale Energieangebot weiter verknappen und die Preise weiter in die Höhe treiben.
Für die Ukraine ist diese Argumentation jedoch schwer zu akzeptieren. Kyjiw führt seit mehr als vier Jahren einen Existenzkrieg. Die Forderung, ausgerechnet jetzt auf ein wirksames Druckmittel gegen Russland zu verzichten – und das aus Rücksicht auf Weltmarktpreise, von denen Russland selbst profitiert –, dürfte in Kyjiw auf wenig Gegenliebe stoßen. Der unausgesprochene Vorwurf: Der Westen versucht, Russlands Kriegsfinanzen in einem Moment zu schützen, in dem globale Energieknappheit Moskau eigentlich schaden könnte.
Gleichzeitig ist die ukrainische Position nicht ohne eigenes Risiko. Eine dauerhafte Verschlechterung der westlichen Energieversorgung könnte politischen Druck auf Regierungen erzeugen, die die Ukraine unterstützen – und damit mittelbar die Bereitschaft zur Fortsetzung der Militärhilfe untergraben. Kyjiw muss also abwägen: unmittelbarer Kriegsvorteil gegen langfristigen Rückhalt beim wichtigsten Verbündetenblock.
Vorerst hat die Ukraine diese Abwägung eindeutig zugunsten der Fortsetzung ihrer Angriffsstrategie entschieden. The Telegraph resümiert trocken: Es sieht danach aus, als ignoriere die Ukraine die Appelle der Verbündeten, die Angriffe auf russische Energieobjekte angesichts des globalen Öl- und Gasmangels einzustellen.