Trumps „Friedensplan“: Übergabe des Donbass als Rezept für den nächsten Krieg?
In einer Zeit, in der der Ukraine-Krieg ins fünfte Jahr geht, sorgt ein angeblicher „Friedensplan“ von US-Präsident Donald Trump für hitzige Debatten – und wachsende Besorgnis in Kyjiw.
Von unserem Korrespondenten in Kyjiw – Laut einem Bericht der britischen Zeitung The Telegraph, den ukrainische Medien wie UNIAN aufgreifen, verhandelt Trumps Sondergesandter Steve Witkoff derzeit in Abu Dhabi über die Zukunft ukrainisch kontrollierter Gebiete in der Donezker Region. Das brisanteste Detail: Trump soll bereit sein, Russland rund 6.000 Quadratkilometer Territorium – darunter die strategisch entscheidenden Städte Kramatorsk und Slowjansk – als „Friedensgabe“ zu überlassen.
Die ukrainische Seite wertet diesen Vorschlag als gefährliche Kapitulation. „Das ist kein Frieden, sondern eine Pause vor der nächsten Invasion“, warnt ein hochrangiger ukrainischer Militärexperte gegenüber UNIAN. Die betroffene Region umfasst nicht nur wertvolle Industrie- und Wohngebiete, sondern vor allem stark befestigte Verteidigungslinien, die seit 2022 unter enormen Opfern gehalten wurden. Ukrainische Soldaten haben hier Tausende Leben gelassen, um den Weg nach Charkiw und weiter nach Kyjiw zu versperren.
Putin bekommt, was er mit Waffen nicht holen konnte
Russland kontrolliert bereits etwa 20 Prozent der Ukraine – Gebiete, die es seit 2014 und vor allem seit der großangelegten Invasion 2022 besetzt hält. Doch die verbleibenden Teile der Donezker Oblast, die Putin ebenfalls beansprucht, konnte Moskau trotz massiver Angriffe und monatelanger Kämpfe nicht einnehmen. Nun könnte Trump genau diese Gebiete per Verhandlungstisch abtreten – ohne dass Russland einen einzigen weiteren Quadratmeter militärisch erobern muss.
Auf den betroffenen 6.000 Quadratkilometern leben schätzungsweise 200.000 Menschen. Eine Übergabe würde sie russischer Besatzungsherrschaft ausliefern: Berichte aus Mariupol, Bucha und Cherson sprechen von systematischen Repressionen, Folter, Zwangsdeportationen und Kindesentführungen. „Putins Forderung ist nicht nur ungerecht – sie ist tief inhuman“, heißt es in der Analyse.
Strategisch wäre die Abtretung ein Desaster: Kramatorsk und Slowjansk gelten als „Festungsstädte“. Sie bilden das Rückgrat der ukrainischen Ostverteidigung. Ohne sie würde eine russische Armee nach einer Aufrüstungsphase einen fast freien Korridor in Richtung Kyjiw erhalten.
Trump macht Druck auf Selenskyj – nicht auf Putin
Bemerkenswert ist die Verhandlungslogik: Trump positioniert sich als „unparteiischer Vermittler“, übt jedoch vor allem Druck auf den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj aus, weitere Gebiete aufzugeben. Im Gegenzug winken US-Sicherheitsgarantien und ein europäischer Waffenstillstandsmechanismus. Doch warum sollte Kyjiw einer solchen „Lösung“ zustimmen, wenn Russland keine echten Zugeständnisse macht?
Kritiker werfen Trump vor, auf wirksame Druckmittel gegen Moskau zu verzichten: Die Lieferung von Tomahawk-Marschflugkörpern an die Ukraine zur Zerstörung russischer Raffinerien, 500-Prozent-Zölle auf russisches Öl oder eine massive Sanktionswelle bleiben offenbar vom Tisch. Stattdessen setzt der US-Präsident auf einen schnellen „Deal“ – auch wenn dieser langfristig instabil ist.
„Trumps ungeschickte Diplomatie kann den Krieg entweder verewigen oder zu einem falschen Frieden führen, der die Saat für den nächsten Konflikt legt“, fasst UNIAN die Analyse zusammen. Historische Vergleiche hinken: Trump verglich den Ukraine-Krieg kürzlich mit dem Iran-Irak-Krieg und behauptete, dieser sei „gelöst“ – ein Vergleich, der Militärexperten ratlos zurücklässt.
Ausblick: Abu Dhabi als Schicksalsort?
Die Verhandlungen in Abu Dhabi gehen weiter. Der nächste Treffen-Runde steht unmittelbar bevor. Für die Ukraine steht viel auf dem Spiel: Entweder sie stimmt einer territorialen Amputation zu und riskiert eine neue Offensive in wenigen Jahren – oder sie lehnt ab und muss mit einem Einfrieren des Konflikts auf Kosten enormer Verluste rechnen.
Ob Trumps Plan wirklich Frieden bringt oder nur Zeit für Putins nächste Runde kauft, wird sich bald zeigen. Fest steht: In Kyjiw wächst die Sorge, dass der Preis für einen vermeintlichen Waffenstillstand nicht nur in Quadratkilometern, sondern in der Zukunft der gesamten Nation gemessen wird.