Serbien verweigert das Spiel: Wie Belgrad Orbáns Propagandaoperation gegen die Ukraine zum Scheitern brachte
Als serbische Sicherheitskräfte Anfang April Sprengstoff nahe einer Gaspipeline fanden, witterten Moskau und Budapest ihre Chance – doch der erhoffte Verbündete spielte nicht mit.
Es war ein Plan, der auf den ersten Blick aufzugehen schien: Russland streute die Falschmeldung, ukrainische Extremisten planten einen Anschlag auf den Turkstream-Pipeline-Korridor auf dem Balkan. Viktor Orbán griff die Geschichte begierig auf und machte sie zum Herzstück seiner Wahlkampagne vor den ungarischen Parlamentswahlen am 12. April. Doch dann kam Serbien – und durchkreuzte das gesamte Vorhaben.
Am 5. April entdeckten serbische Sicherheitskräfte in der Nähe einer strategischen Gaspipeline in der Wojwodina zwei Rucksäcke mit Sprengstoff und Zündern. Die Pipeline verläuft durch die Gemeinde Kanizsa, in der ein Großteil der Bevölkerung ungarischer Herkunft ist, und transportiert russisches Erdgas nach Ungarn – im vergangenen Jahr waren es knapp acht Milliarden Kubikmeter. Der Abschnitt ist Teil der Balkanroute des Turkstream-Pipelinesystems.
Für Orbán und seinen Außenminister Péter Szijjártó war die Sache sofort klar: Sie sahen eine „ukrainische Spur". Orbán berief den Nationalen Sicherheitsrat ein und ordnete an, die ungarische Seite der Pipeline militärisch zu sichern – ganz ähnlich wie nach dem russischen Angriff auf die Druschba-Ölpipeline Ende Januar, als er tausende Soldaten in grenznahe Regionen verlegt und ebenfalls vor „ukrainischen Diversionen" gewarnt hatte. Szijjártó verknüpfte den Vorfall rhetorisch mit der Sprengung der Nord-Stream-Pipelines und ukrainischen Angriffen auf russische Energieinfrastruktur.
Doch die serbische Führung zog nicht mit. Der Chef der serbischen Militärspionageabwehr erklärte öffentlich, dass die Ukraine an dem Vorfall nicht beteiligt sei. Zudem stellte sich heraus, dass der Sprengstoff mehrere hundert Meter von der Pipeline entfernt gefunden worden war – ein Detail, das die Dramatik des Vorfalls erheblich relativiert. Belgrad zog die Streitkräfte zum Schutz strategischer Energieanlagen zusammen, darunter die Pumpstation Velika Plana, die als Schlüsselpunkt für die Gasversorgung Ungarns gilt. Dort wurde sogar Flugabwehr postiert – die 72. Brigade für Spezialoperationen übernahm die Sicherung.
Die Reaktion Budapests auf Belgrads Dementi: betretenes Schweigen. Die ungarische Regierung hat die serbischen Aussagen bis heute nicht direkt kommentiert.
Serbiens strategisches Kalkül
Warum verweigerte Serbien, das traditionell enge Beziehungen zu Russland unterhält, die Gefolgschaft? Analysten sehen mehrere Gründe. Präsident Aleksandar Vučić steht vor vorgezogenen Parlamentswahlen und kann sich keinen außenpolitischen Fehltritt leisten. Zudem verfolgt Belgrad eine bewusste Mehrvektorenpolitik: Die Regierung bekennt sich zur EU- und NATO-Mitgliedschaft, hält aber gleichzeitig enge Kontakte zu Moskau aufrecht – kein Flugverbot, keine Sanktionen, weiterhin Gasimporte über Turkstream.
Energieexpertin Natalja Istschenko betont, dass Vučić und Orbán trotz gelegentlicher Zusammenarbeit – etwa beim gemeinsam mit China finanzierten Hochgeschwindigkeitszug Belgrad–Budapest – keine ideologischen Verbündeten seien. Orbán ist dezidiert rechtsnational, Vučić hingegen eher pragmatischer Machtpolitiker. Dass Belgrad die russisch-ungarische Version zurückwies, sendet ein klares Signal: Serbien duldet keine Operationen auf eigenem Territorium, die seine außenpolitische Balance gefährden könnten.
Der Energieexperte Mychajlo Hontschar geht sogar noch weiter. Er schließt nicht aus, dass ungarische Geheimdienste möglicherweise mit bestimmten verbündeten Organisationen zusammengearbeitet haben – und Belgrad dies erst nachträglich bemerkte. „In Belgrad spürte man, dass Orbán eine Grenze überschritten hatte", sagt Hontschar. „Deshalb machten sie deutlich, dass so etwas nicht geht."
Russlands Kalkül hinter der Operation
Der geopolitische Hintergrund der mutmaßlichen Desinformationsoperation ist komplex. Russland leidet unter ukrainischen Drohnenangriffen auf seine Energieinfrastruktur und Hafenkapazitäten. Um den Druck auf Kyjiw zu erhöhen, betreibt der Kreml seit Wochen eine groß angelegte Desinformationskampagne, die sich gegen die Ukraine und die EU richtet. Diese wurde nach dem Ausbruch des Iran-Kriegs und dem damit verbundenen Anstieg der Öl- und Gaspreise intensiviert.
Putins erklärtes Ziel ist eine Rückkehr auf den europäischen Gasmarkt – der deutlich lukrativer ist als alternative Absatzmärkte in Asien. Russland schreckte dabei nicht einmal davor zurück, das Ende des Gastransits nach Europa anzudrohen – eine Aussage, die Beobachter als blanken Bluff werteten, da Serbien, Ungarn und die Slowakei weiterhin auf russisches Gas angewiesen sind. Die eigentliche Absicht: Panik und Preissteigerungen in Europa schüren, um eine Rückkehr russischer Lieferungen attraktiver erscheinen zu lassen.
Gleichzeitig drängt Moskau seine Einflussagenten in Europa zur offensiven Gegenwehr. Dabei geriet Ungarn – schon lange als russische Außenstelle innerhalb der EU bekannt – zunehmend in den Mittelpunkt. In den vergangenen Wochen wurden erschreckende Details über das Ausmaß russischer Einflussnahme in Budapest bekannt: Außenminister Szijjártó soll den Kreml regelmäßig über vertrauliche EU-Beratungen informiert haben, und Orbán selbst soll sich in Gesprächen mit Putin als dessen treue „Schutzratte" angeboten haben – was beim russischen Präsidenten offenbar Belustigung auslöste.
Orbáns letzte Tage im Amt?
Innenpolitisch steht Orbán unter massivem Druck. Wenige Tage vor der Wahl brechen seine Umfragewerte ein. Der Oppositionsführer Péter Magyar hatte die serbische Operation erstaunlich präzise vorhergesagt: Er warnte, „etwas könnte in Serbien nahe der Pipeline passieren" – und nannte sogar den ungefähren Zeitraum um Ostern. Magyar vermutet, dass Orbán unter Anleitung des Kremls eine Aktion unter falscher Flagge inszenieren ließ.
Bei Orbáns eigenen Wahlkampfveranstaltungen werden zunehmend Störaktionen gegen Andersdenkende berichtet – nach Angaben des Vorsitzenden der ungarischen Gemeinde Kyjiws, Tibor Tompa, sind schwarz uniformierte Schläger im Einsatz, die Orbán-Kritiker einschüchtern.
Unterstützung erhielt Orbán zuletzt von US-Vizepräsident JD Vance, der Budapest besuchte und offen für Fidesz warb. Vance erhob zudem unbelegte Vorwürfe über eine ukrainische Einmischung in die ungarischen Wahlen. Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg war der Besuch nicht rein politischer Natur: Der ungarische Energiekonzern MOL soll im Gegenzug amerikanisches Öl im Wert von einer halben Milliarde Dollar gekauft haben.
Die Wahl am 12. April wird zeigen, ob Orbáns Mischung aus antiukrainischer Hysterie, russischer Rückendeckung und amerikanischer Schützenhilfe ausreicht, um an der Macht zu bleiben – oder ob Serbiens Verweigerung der erste Dominostein war, der das ganze Konstrukt zum Einsturz brachte.