Selenskyj warnt Tschechien: „Der Preis ist zu hoch“ – Stopp der Militärhilfe wäre „tödlicher Fehler“
In Prag hat das Interview bereits Diskussionen ausgelöst – und zeigt, wie brisant die europäische Solidarität im vierten Kriegsjahr geworden ist.
In einem eindringlichen Interview mit dem tschechischen Sender Rozhlas hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die neue Regierung in Prag scharf vor einem Kurswechsel gewarnt. Nach dem Wahlsieg rechts-populistischer Kräfte im Herbst 2025 und dem Amtsantritt von Ministerpräsident Andrej Babiš droht Tschechien, die direkte militärische Unterstützung für die Ukraine aus dem Staatshaushalt zu streichen. Selenskyj nannte einen solchen Schritt einen „tödlichen Fehler“ mit katastrophalen Folgen – nicht nur für die Ukraine, sondern für ganz Europa.
„Die Ukraine hält Russland zurück. Wenn jemand in der Welt anderer Meinung ist, halte ich es für sehr riskant, das zu testen“, sagte Selenskyj wörtlich. „Wenn wir der Ukraine nicht helfen und die Ukraine fällt, besteht das Risiko, dass Russland seine Aggression fortsetzt. Selbst wenn jemand das nicht vollständig glaubt – ich denke, man muss das nicht ausprobieren. Der Preis ist einfach zu hoch.“
Der Präsident betonte die moralische Dimension der Hilfe: „Ich bin überzeugt, dass die Unterstützung der Ukraine moralisch richtig ist. Wie und in welchem Umfang – das ist eine andere Frage. Es ist absolut klar, dass die ganze Welt die Ukraine unterstützt, nicht Russland. Die ganze Welt – sogar jene Länder, die uns nicht helfen – erkennt an, dass Russland der Aggressor ist.
“Hintergrund ist der Regierungswechsel in Prag: Nach den Parlamentswahlen im Herbst 2025 übernahm eine rechts-populistische Koalition die Macht. Ministerpräsident Andrej Babiš kündigte an, keine Haushaltsmittel mehr für militärische Hilfe an die Ukraine bereitzustellen, zeigte sich aber offen für nicht-staatlich finanzierte Programme. Radikaler äußerte sich Parlamentspräsident Tomio Okamura: Er behauptet, gelieferte Waffen erreichten die Front gar nicht, weil Russland sie vorher zerstöre – eine Behauptung, die in Kyjiw als Teil russischer Desinformationskampagnen gilt.
Selenskyj erinnerte an die enge historische und menschliche Verbindung zwischen beiden Ländern: Tschechien habe Millionen ukrainische Flüchtlinge aufgenommen und der Ukraine in den ersten Kriegsjahren massiv geholfen. „Die Menschen werden sich nach dem Krieg erinnern, wer auf welcher Seite stand“, mahnte er – eine klare Botschaft, dass Geschichte und Vertrauen langfristig zählen.
Der ukrainische Präsident vermied direkte Angriffe auf die neue tschechische Führung, sprach aber mit Nachdruck von der gemeinsamen Verantwortung. „Die Welt hat sich um die Ukraine versammelt, nicht um Russland“, sagte er. Ein Rückzug Prags würde nicht nur die Front schwächen, sondern auch ein gefährliches Signal an andere Staaten senden.
Ob Prag seine Haltung revidiert, bleibt abzuwarten. Selenskyjs Worte kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die Ukraine weiterhin auf westliche Munition, Luftabwehr und Artillerie angewiesen ist, während Russland seine Offensive im Osten verstärkt.