Selenskyj setzt auf Türkei und Syrien: Kyjiw baut neue Allianzen im Schwarzmeer- und Nahostregion

Die Ukraine sucht neue Verbündete: Präsident Selenskyj besuchte die Türkei und Syrien und treibt damit eine regionale Sicherheitsstrategie voran, die Kyjiw vom westlichen Rückhalt unabhängiger machen soll.

Selenskyj setzt auf Türkei und Syrien: Kyjiw baut neue Allianzen im Schwarzmeer- und Nahostregion
Foto: t.me/V_Zelenskiy_official

Angesichts der zunehmend schwierigen Beziehungen zu Washington und der schleppenden Friedensverhandlungen mit Russland verfolgt die Ukraine eine neue regionale Strategie: Präsident Wolodymyr Selenskyj sucht aktiv neue Partner — und richtet seinen Blick dabei auf die Türkei und Syrien.

Am vergangenen Wochenende besuchte Selenskyj beide Länder in rascher Folge. In Syrien führte er Dreiecksverhandlungen mit dem syrischen Präsidenten Ahmed al-Sharaa und dem türkischen Außenminister Hakan Fidan. Sein anschließendes Gespräch mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan bezeichnete Selenskyj als „eines der positivsten in all diesen Jahren". Auf der Agenda standen neben bilateralen Themen auch der NATO-Gipfel, der in diesem Jahr in der Türkei stattfinden wird, sowie die Frage, welchen Platz die Ukraine dabei einnehmen kann und wie die USA die mögliche NATO-Mitgliedschaft Kyjiws bewerten.

Selenskyj trifft syrischen Präsidenten al-Sharaa: „Großes Interesse am Austausch militärischer und sicherheitspolitischer Erfahrungen“
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ist am Sonntag zu einem überraschenden Besuch in Damaskus eingetroffen. Dort traf er den syrischen Präsidenten Ahmed al-Sharaa zu Gesprächen. Es ist der erste Besuch eines ukrainischen Staatschefs in Syrien seit vielen Jahren.

Ukrainische Regierungsvertreter betonen, dass Kyjiw nicht nur Partner für die laufenden Friedensgespräche mit Russland braucht, sondern vor allem Verbündete, die Ukraines territoriale Integrität und Unabhängigkeit langfristig unterstützen — eine Notwendigkeit, die mit dem schwindenden Rückhalt durch die Trump-Administration deutlich drängender geworden ist.

Die Türkei nimmt in diesem Kalkül eine besondere Rolle ein. Ankara verfügt über die zweitgrößte Armee in der NATO, ist eine entscheidende Macht im Schwarzmeerraum und besitzt eine leistungsfähige Rüstungsindustrie. Das türkische Unternehmen Baykar baut derzeit in der Ukraine eine Drohnenfabrik. Gleichzeitig ist die Türkei geopolitisch kein einfacher Partner: Russland ist ihr wichtigster Energielieferant und zugleich bedeutende Tourismusquelle. Ankara verkauft der Ukraine zwar Waffen, gewährt aber kaum humanitäre oder militärische Direkthilfe. Dennoch ist die strategische Logik für beide Seiten klar: Die Türkei beobachtet mit Sorge, wie Russland im Schwarzen Meer an Gewicht gewinnen könnte — eine Perspektive, die Kyjiw und Ankara trotz aller Differenzen zusammenführt.

Hinzu kommt die gemeinsame Wahrnehmung der Iran-Russland-Achse als Bedrohung. Moskau nutzte iranische Shahid-Drohnen für Angriffe auf ukrainische Städte, während Russland dem Iran im Gegenzug bei der Zielauswahl für Angriffe im Persischen Golf half. Eine vertiefte Ukraine-Türkei-Kooperation gilt daher auch als Gegengewicht zu dieser Allianz. Soner Cagaptay vom Washington Institute for Near East Policy wies darauf hin, dass die durch den Irankrieg ausgelöste regionale Instabilität für die Ukraine neue Chancen eröffne, da regionale Akteure aktiv nach neuen logistischen, militärischen und energiepolitischen Partnerschaften suchen.

Syrien wiederum sieht Kyjiw als Möglichkeit zur Zusammenarbeit in den Bereichen Energie, Verteidigung und Logistik. Das Land kommt zwar aus einem Bürgerkrieg mit einer zerstörten Wirtschaft, doch Kyjiw setzt auf den strategischen Wert der Annäherung. „Das Dreieck Ukraine–Syrien–Türkei ist eine sehr wichtige Allianz, die Stabilität zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer gewährleisten kann — eine sichere Verbindung zwischen Europa, dem Schwarzmeerraum und dem Nahen Osten", sagte MZS-Sprecher Heorhij Tychyj.

Selenskyj hatte Syrien am 5. April als erster ukrainischer Staatschef offiziell besucht und Damaskus Zusammenarbeit in den Bereichen Lebensmittellieferungen und Sicherheit angeboten. Die jüngsten Schritte zeigen: Die Ukraine versteht sich längst nicht mehr nur als Empfänger westlicher Unterstützung, sondern als eigenständiger geopolitischer Akteur — der seine Kriegserfahrung und sein regionales Netzwerk gezielt als außenpolitisches Kapital einsetzt.