Selenskyj: Je mehr Männer zurückkehren, desto stärker die Ukraine

Seine Worte sind eine Mischung aus Verständnis, Pragmatismus und klarer Mahnung – und sie treffen einen Nerv in der ukrainischen Gesellschaft und weit darüber hinaus.

Selenskyj: Je mehr Männer zurückkehren, desto stärker die Ukraine
Foto: Ukrainisches Präsidialamt

In einem offenen und emotionalen Interview mit Czech Radio hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erstmals ausführlich zu einem der kontroversesten Themen des Krieges Stellung genommen: den Hunderttausenden ukrainischen Männern im wehrfähigen Alter, die seit Februar 2022 das Land verlassen haben.

Selenskyj wehrt sich dagegen, die Abwanderung als Verrat oder Verlust zu betrachten. „Ich sehe das nicht als Millionen Menschen, die weggegangen sind“, sagte er. „Ich sehe das als große Prüfung – und als das, was Millionen Menschen geblieben sind. Und genau weil Millionen geblieben sind, ist die Ukraine geblieben.“ Es ist eine klare Botschaft: Die Stärke des Landes liegt bei denen, die trotz Bomben, Stromausfällen und Verlusten ausharren.

Gleichzeitig macht der Präsident kein Geheimnis daraus, dass die Armee dringend mehr Menschen braucht. Viele Soldaten an der Front leiden unter fehlender Rotation – sie kämpfen monatelang ohne Pause. „Es wäre sehr fair, diesen Männern am Frontabschnitt zu helfen, bei denen es manchmal einfach an Leuten fehlt“, betonte Selenskyj. „Und ja: Die, die gegangen sind, könnten zweifellos helfen.“ Er schilderte eindringlich, wie wichtig es für Kämpfer ist, einmal nach Hause zu fahren, Familie zu sehen, Kraft zu tanken: „Das gibt Energie. Das gibt dir die Kraft, weiterzumachen.“

Doch Selenskyj wird schnell nüchtern, wenn es um Zwang oder pauschale Verurteilung geht. Er zitiert die entscheidende Frage der Frontsoldaten: „Können sie diesem Menschen vertrauen?“„Manchmal heißt es: Wer geflohen ist, den muss man jetzt packen und an die Front schicken. Ich verstehe diese Emotionen – sie sind bei allen da“, sagte er. „Aber man muss die Jungs an der Front fragen: Können sie diesem Menschen vertrauen? Der eine vertraut dem, der neben ihm steht, weil er weiß, dass sie zusammen eine Richtung halten. Das ist ein Thema, auf das es keine einfache Antwort gibt – weil es unterschiedliche Menschen und unterschiedliche Gründe gibt.“

Der Präsident betont: Je mehr junge, körperlich fitte Männer im wehrpflichtigen Alter aus dem Ausland zurückkehren, „desto leichter wird es für unsere Armee, für unser Volk, für die Ukraine“.

Interessant ist auch eine Anekdote, die Selenskyj erzählte: Ein europäischer Regierungschef habe ihn gebeten, die Ukrainer im Ausland „einzuladen“ zurückzukehren – weil die Aufnahmeländer unter der Last litten und die eigene Gesellschaft die Flüchtlinge zunehmend kritisch sehe. Selenskyj antwortete: „Ich kann sie einladen. Aber wie soll das funktionieren, wenn jemand vor dem Krieg geflohen ist?“ Er erinnerte daran, dass einige, die zunächst gegangen waren, später doch zurückgekehrt sind und nun verteidigen.

Der Kontext ist brisant: In Deutschland hatte CDU-Chef Friedrich Merz kürzlich gefordert, ukrainische Männer sollten nicht in der EU arbeiten, sondern dienen – eine Aussage, die in Kyjiw für Unmut sorgte. Selenskyj geht in seinem Interview nicht direkt darauf ein, doch die Botschaft ist klar: Die Lösung kann nicht in Drohungen oder Zwang liegen, sondern nur in Vertrauen und Freiwilligkeit.

Ob seine Worte die Debatte beruhigen oder weiter anheizen, wird sich zeigen. Fest steht: Der ukrainische Präsident hat ein heikles Thema nicht umschifft, sondern direkt angesprochen – mit all seiner Komplexität und all seinen Widersprüchen. In einem Krieg, der nun fast vier Jahre dauert, ist das schon ein kleines Politikum für sich.