Nach Drohnen- und Raketenangriffen: Kreml-Verhandler entschuldigen sich bei Ukraine

In einer überraschenden Wendung haben russische Verhandler sich in privaten Gesprächen für die zivilen Opfer entschuldigt, die durch russische Angriffe am vergangenen Montag in Odessa und der Oblast Charkiw entstanden sind.

Nach Drohnen- und Raketenangriffen: Kreml-Verhandler entschuldigen sich bei Ukraine
Foto: Ukrinform

Fünf Menschen starben, darunter Passagiere in einem Regionalzug. Die Entschuldigung erfolgte, obwohl beide Seiten erst am Wochenende ein mündliches „gentlemanliches Agreement“ zur vorübergehenden Einstellung von Angriffen vereinbart hatten – ein Schritt, der als Vertrauensmaßnahme für laufende Friedensgespräche gedacht war.

Die Ukraine hatte in den Verhandlungen explizit ein Ende der Angriffe auf zivile Infrastruktur und Verkehrswege gefordert. Russland stimmte mündlich zu, eine schriftliche Fixierung blieb jedoch aus. „Die russische Seite erklärte, nicht alle Einheiten hätten rechtzeitig vom Beginn der Waffenruhe erfahren“, berichtet ein ukrainischer Verhandler gegenüber der New York Times. Kurz darauf führten russische Drohnen und Raketen dennoch Angriffe durch – ein Vorfall, der die Zerbrechlichkeit der informellen Absprache eindrucksvoll unterstreicht.

Präsident Wolodymyr Selenskyj betonte in einer Stellungnahme, die Ukraine halte sich an die Vereinbarung und sei weiterhin zu deren Einhaltung bereit. „Es gibt keine offizielle Feuerpause, aber wir haben signalisiert, dass wir das Peremirie respektieren“, so Selenskyj. Gleichzeitig verwies er auf die Rolle des US-Präsidenten Donald Trump, der Russland gebeten haben soll, die Angriffe bis zum 1. Februar auszusetzen, um günstige Bedingungen für weitere Gespräche zu schaffen. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow bestätigte diese Darstellung: Russland habe der Bitte entsprochen, um den Verhandlungsprozess nicht zu gefährden.

Das sogenannte „energetische Peremirie“ – ursprünglich als vorübergehende Waffenruhe im Energiesektor diskutiert – hat sich zu einem breiteren Testfall für gegenseitiges Vertrauen entwickelt. Experten sehen darin jedoch keine Garantie für einen dauerhaften Waffenstillstand. Samuël Charap von der RAND Corporation warnte: „Das bedeutet nicht, dass die Angriffe für immer aufhören. Es ist ein Signal, aber kein Durchbruch.“

Die jüngsten Ereignisse werfen ein Schlaglicht auf die Herausforderungen informeller Absprachen in einem hochkomplexen Konflikt: mangelnde Kommunikation innerhalb der russischen Streitkräfte, die Abhängigkeit von persönlichen Zusagen statt verbindlicher Dokumente und die Einflussnahme externer Akteure wie den USA. Während Kyjiw und Moskau weiterhin über eine Stabilisierung sprechen, bleibt die Frontlinie angespannt – und die nächste Eskalation könnte das fragile Peremirie schnell beenden.

Ob die Entschuldigung aus Moskau zu einer echten Deeskalation führt oder nur als diplomatische Geste dient, wird sich in den kommenden Tagen zeigen. Bis zum 1. Februar gilt die russische Zusage, Angriffe auszusetzen. Danach beginnt für beide Seiten der eigentliche Test: Kann ein mündliches Gentleman-Agreement mehr wert sein als Papier?