Massiv und tagsüber: Russland erprobt neue Angriffstaktik gegen die Ukraine

Russland intensiviert seine Luftangriffe auf die Ukraine deutlich – und setzt dabei zunehmend auf eine neue, bislang kaum eingesetzte Taktik, die die Verteidigung vor große Herausforderungen stellt.

Massiv und tagsüber: Russland erprobt neue Angriffstaktik gegen die Ukraine
Foto: Ukrinform

Russland hat seine Luftangriffe auf die Ukraine in den vergangenen Tagen deutlich intensiviert und dabei eine neue Taktik erprobt, die ukrainische Militärexperten und westliche Analysten alarmiert. Statt wie bisher hauptsächlich nächtliche Drohnenwellen einzusetzen, kombiniert Moskau nun massive Nachtangriffe systematisch mit weiteren Angriffswellen am helllichten Tag – mit dem erklärten Ziel, die ukrainische Luftverteidigung zu überlasten und zu erschöpfen.

Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiga bezifferte einen der jüngsten Angriffe auf fast 500 Drohnen und Marschflugkörper innerhalb von 24 Stunden. Der Sprecher der ukrainischen Luftwaffe bestätigte, dass binnen eines Tages mehr als 400 Langstreckendrohnen sowie zehn ballistische Raketen registriert worden seien. Für einen einzigen Angriff ist das ein Rekordwert. Der Luftwaffensprecher sagte im Staatsfernsehen: „Der Feind nutzt neue Routen, neue Drohnen, die ständig modernisiert werden, und neue Taktiken."

Was die neue Strategie so gefährlich macht, hat das amerikanische Institute for the Study of War analysiert: Russland folge dem Prinzip „Ansammeln und Zuschlagen" – auf begrenzte Angriffe über mehrere Tage folgten großangelegte Wellen mit Drohnen und Raketen. Das ISW warnt, dass diese Taktik zu mehr zivilen Opfern und erhöhtem psychologischem Druck auf die Bevölkerung führt. Russland nähere sich zudem der Fähigkeit, mehr als 1000 Drohnen in einer einzigen Angriffswelle einzusetzen.

Die Tagesangriffe haben dabei eine besondere Funktion. Der ukrainische Reserveoberst und Analyst Viktor Kevliuk erklärte, die langanhaltenden Angriffe zielten darauf ab, die ukrainische Flugabwehr über den Tag hinweg zu erschöpfen und so spätere Schläge wirksamer zu machen. Zugleich dienten sie der Einschüchterung der Zivilbevölkerung. „Das Ziel ist es, ein Gefühl ständiger Gefahr zu erzeugen", sagte Kevliuk. Außenminister Sybiga warf Russland vor, bewusst am helllichten Tag zuzuschlagen, um möglichst viele zivile Opfer zu treffen.

Die jüngste Angriffsserie traf mehrere Landesteile gleichzeitig. In der westukrainischen Großstadt Lwiw wurden Gebäude im historischen Stadtzentrum – darunter ein zum UNESCO-Weltkulturerbe zählendes Gebäude – beschädigt und in Brand gesetzt. In Saporischschja, Poltawa und Dnipro wurden Hochhäuser getroffen. Selenskyj meldete nach einem der Angriffe über 390 Drohnen und 34 Raketen verschiedener Typen sowie Schäden in elf Oblasts. Es war das zweite Mal in dieser Woche, dass Russland schwere Tagesangriffe auf nächtlichen Drohnenbeschuss folgen ließ.

Die neue Taktik stellt die ukrainische Luftverteidigung vor ein fundamentales Dilemma: Sie ist darauf ausgelegt, die begrenzten Kapazitäten der Raketenabwehr systematisch aufzureiben. Wird die Luftabwehr in der Nacht durch Drohnenschwärme gebunden und geschwächt, sind die kostbaren Abfangraketen am Tag bereits verbraucht – genau dann, wenn präzise russische Marschflugkörper folgen. Russland hat diese Technik des Zweiwellen-Angriffs bereits 2024 erfolgreich eingesetzt und seither verfeinert.

Hinzu kommt eine technische Modernisierung: Russland setzt zunehmend auf Drohnen mit Jet-Antrieb, die schneller und schwerer abzufangen sind als die älteren Schahed-Modelle iranischer Bauart. Die ukrainische Luftwaffe bestätigt, dass die Flugkörper laufend weiterentwickelt werden und neue Anflugwege nutzen, um Radar- und Abwehrsysteme zu umgehen.

Der Zeitpunkt der Intensivierung ist nicht zufällig: Russland schlug auch am Karfreitag zu – dem 1.500. Tag der großangelegten Invasion – und reagierte damit nach Darstellung Kyjiws gezielt auf einen ukrainischen Vorschlag für eine Osterfeuerpause, den Moskau ignorierte. Statt auf das Angebot einzugehen, eskalierte Russland die Luftangriffe weiter. Ein deutlicheres Signal an die Verhandlungsbereitschaft Moskaus dürfte kaum zu senden sein.