Kupjansk – die Stadt, die zum Symbol für russische Desinformation geworden ist
Januar 2026 scheint eine kleine Stadt im Osten der Ukraine, Kupjansk, für das russische Militärkommando zu einem echten Problemkind geworden zu sein – nicht nur militärisch, sondern vor allem propagandistisch.
Das Institute for the Study of War (ISW) hat in seinen aktuellen Lageeinschätzungen vom 15. und 16. Januar 2026 erneut klar herausgearbeitet: Russland hält beharrlich an der Lüge fest, Kupjansk vollständig erobert zu haben – obwohl die Realität auf dem Schlachtfeld etwas völlig anderes zeigt.
Die offizielle russische Version vs. die dokumentierte Wirklichkeit
Russische Spitzenmilitärs wie Generalstabschef Waleri Gerassimow, Verteidigungsminister Andrei Beloussow und der Kommandeur der Westgruppierung Sergei Kusowlew wiederholen seit November 2025 fast wortgleich dieselbe Behauptung:
- Russische Truppen hätten Kupjansk „vollständig unter Kontrolle“
- Ukrainische Einheiten seien „umzingelt“ oder versuchten nur noch „ihre Präsenz zu demonstrieren“
- Man führe Straßenkämpfe in Vororten wie Kupjansk-Vuzlovyi und stehe kurz vor der endgültigen Einnahme
Am 16. Januar 2026 erklärte Kusowlew gegenüber Beloussow sogar explizit, russische Kräfte kontrollierten „alle Bereiche“ von Kupjansk und ukrainische Durchbruchsversuche seien gescheitert. Gerassimow sprach tags zuvor von laufenden Straßenkämpfen und der „Vernichtung umzingelter ukrainischer Einheiten“ östlich des Oskil-Flusses.
Doch genau hier setzt die schonungslose Analyse des ISW ein: Diese Darstellungen sind nachweislich falsch. Visuelle Beweise (Geolokalisierte Videos), ukrainische und sogar russische Berichte zeigen ein anderes Bild:
- Ukrainische Einheiten haben den Großteil von Kupjansk und das umliegende Gebiet befreit.
- Ukrainische Flaggen wehen wieder über der Stadt – teilweise hissten Kämpfer der Brigade „Khartia“ sie nach monatelangen erbitterten Abwehrkämpfen.
- Russische Präsenz beschränkt sich nach Einschätzung vieler russischer Militärblogger lediglich auf „einzelne Verteidigungstaschen“ oder „lokale Verteidigungsnester“ – oft in Kellern versteckte kleine Gruppen, die kaum versorgt werden können.
- Ukrainische Kommandeure sprechen von nur noch 25–90 russischen Soldaten in der Stadt (meist Schätzungen um 50–60), die sukzessive ausgeschaltet werden.
Besonders peinlich für das russische Kommando: Selbst kremlnahe und ultranationalistische Militärblogger widersprechen offen. Sie nennen die offiziellen Berichte eine „parallele Realität“, kritisieren riskante „Flaggenhischer-Aktionen“ nur zur Propaganda und bestätigen ukrainische Kontrolle über weite Teile Kupjansks und umliegender Dörfer wie Podoly, Kurylivka oder Petropavlivka.
Warum lügt das russische Kommando so hartnäckig?
Das ISW nennt einen zentralen Grund: Kupyansk ist zum besonderen Spannungsfeld für das russische Militär geworden, weil die tatsächlichen Ereignisse dort die gesamte Kreml-Narrative von der „unaufhaltsamen russischen militärischen Macht“ gefährden.
Genau in einer Phase, in der Friedensgespräche und Verhandlungen (besonders mit Blick auf mögliche US-Positionen unter der neuen Administration) an Fahrt aufnehmen, will der Kreml keine Schwäche zeigen. Die Lüge von der „eroberten Stadt“ soll suggerieren:
- Russland sei weiterhin in der Offensive und nahe am Durchbruch.
- Die Ukraine stehe kurz vor dem Kollaps.
- Der Westen und Kyjiw müssten jetzt Zugeständnisse machen, bevor es „noch schlimmer“ werde.
Das ISW formuliert es so: Es gehe darum, eine falsche Erzählung von der Unausweichlichkeit eines russischen Sieges zu verbreiten und die Ukraine sowie westliche Partner psychologisch unter Druck zu setzen.
Die bittere Ironie der Verlustzahlen
Während russische Generäle von Siegen sprechen, zeichnen die Zahlen ein anderes Bild. In den Kämpfen um Kupjansk lag das Verhältnis der Verluste zeitweise bei 1:27 – für jeden getöteten oder verwundeten ukrainischen Soldaten kamen etwa 27 russische. Selbst wenn diese extreme Relation nicht dauerhaft anhält, zeigt sie die immense Material- und Menschenkosten sinnloser Angriffe gegen befestigte ukrainische Stellungen.
Kupjansk ist damit nicht nur ein militärischer, sondern vor allem ein propagandistisches Desaster für Russland geworden – eine Stadt, in der die Realität des Schlachtfelds und die virtuelle Welt der Kreml-Berichte am weitesten auseinanderklaffen.
Und solange ukrainische Soldaten ihre Flagge über Kupjansk wehen lassen, wird diese Diskrepanz wohl noch eine ganze Weile bestehen bleiben.