Jahrelanger Drohnenkrieg macht Ukraine zum gefragten Partner

Während Schahed-Drohnen den Nahen Osten erschüttern, wird Kyjiws jahrelange Expertise im Drohnenabwehrkampf plötzlich zum gefragten Exportgut der Weltpolitik.

Jahrelanger Drohnenkrieg macht Ukraine zum gefragten Partner
Foto: Ukrainische Luftwaffe

Als die USA und Israel in der Nacht zum 28. Februar mit massiven Luftangriffen auf den Iran begannen, kehrte der Staatskrieg mit voller Wucht in den Nahen Osten zurück. Teheran antwortete noch am selben Tag mit einem Hagel aus ballistischen Raketen und Drohnen – gezielt gegen amerikanische Militärbasen und Botschaften in der gesamten Region. Die Waffe, die dabei weltweit für Schlagzeilen sorgt, ist altbekannt: die Shahed-Drohne. Wer sie am besten kennt, ist die Ukraine.

Masse statt Präzision

Das iranische Basismodell Shahed-136 ist seit 2021 im Einsatz. Es handelt sich um eine einfache Konstruktion: Ein Kolbenmotor treibt die Drohne mit einem 50-Kilogramm-Sprengkopf bis zu 2.000 Kilometer weit. Der entscheidende Vorteil liegt im Preis – rund 50.000 US-Dollar pro Stück. Zum Vergleich: Ein einziger Abfangflugkörper des Patriot-Systems kostet ein Vielfaches davon.

Seit Ende 2022 produziert Russland die Drohne unter dem Namen „Geran" in der Sonderwirtschaftszone Alabuga in Tatarstan. Seither wurde das System kontinuierlich weiterentwickelt: schnellere Motoren, Düsenantrieb, größere Sprengköpfe, LTE-SIM-Karten und vermaschte Funknetzwerke für eine verbesserte Kommunikation. Monatlich verlassen tausende dieser Geräte die russischen Produktionshallen.

Genau diese Drohne ist es nun, die den Nahen Osten in Atem hält. Erfolgreiche Einschläge wurden aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien, Bahrain, Oman, dem Irak, Kuwait und sogar einem britischen Militärstützpunkt auf Zypern gemeldet. In Dubai traf eine Drohne ein Luxushotel – als Teil eines koordinierten Angriffs mit über 200 Drohnen und mehr als 130 Raketen. Medienberichten zufolge enthielten die abgefangenen Geräte russische Bauteile, was auf eine enge technische Zusammenarbeit zwischen Moskau und Teheran hindeutet.

„Russland hat viel vom Iran gelernt, hat das Shahed-Design übernommen, und jetzt gibt es eine Gegenleistung", erklärte Wladyslav Wlasjuk, Sanktionsbeauftragter von Präsident Wolodymyr Selenskyj, dem Kyiv Independent. „Iranische Ingenieure gehen nach Russland und umgekehrt – und ich glaube, China steht dieser Kooperation sehr nah."

Der Westen: Unvorbereitet

Die erste Bewährungsprobe für westliche Luftverteidigungssysteme gegenüber dieser Art von Massenangriff fand nicht im Golf statt, sondern über polnischen Feldern. Im vergangenen September drangen bis zu 23 russische Gerbera-Drohnen – unbewaffnete Täuschkörper – in den polnischen Luftraum ein. Trotz des Einsatzes von F-35 und F-16 wurden lediglich vier abgeschossen.

Im Nahen Osten zeigt sich nun dasselbe Bild – mit scharfen Gefechtsköpfen und echten Konsequenzen. Zwar wurden einige Drohnen von Patriot-Systemen abgefangen, doch der Vorrat an teuren Abfangraketen ist begrenzt. An einem US-Marinestützpunkt in Bahrain traf eine iranische Shahed-Drohne direkt ein hochwertiges Radarsystem – ein symbolträchtiger Treffer.

Der pensionierte australische Generalmajor Mick Ryan bringt die Logik dahinter auf den Punkt: „Der Iran kann die amerikanische Verteidigung in der Region über Zeit sättigen – nach einem Monat oder so gehen den USA die Abfangraketen aus." Diese Strategie der Erschöpfung habe der Iran von Russland gelernt. Und tatsächlich reagierten auch die USA: Am 28. Februar gab das Militär den ersten Kampfeinsatz des LUCAS-Systems bekannt – einer amerikanischen Eigenentwicklung, die stark an den Shahed erinnert und mit rund 35.000 Dollar noch günstiger sein soll.

Kyjiws bittere Schule – und ihre Früchte

Niemand weiß besser als die Ukraine, was es bedeutet, Nacht für Nacht von Schwärmen solcher Drohnen angegriffen zu werden. Seit Ende 2022 hat Kyjiw ein komplexes, vielschichtiges Abwehrsystem aufgebaut – und dabei eine steile Lernkurve durchlaufen.

Am Anfang standen sogenannte mobile Feuertrupps: Soldaten auf Pickup-Trucks mit Scheinwerfern und Maschinengewehren, die Drohnen im Tiefflug abschossen. Ergänzt wurde dies durch ein landesweites Netz aus Radarsensoren und akustischen Detektoren, das Flugrouten kartierte und nach jedem Angriff ausgewertet wurde. Mit der Zeit stiegen auch Hubschrauber und Propellermaschinen aus der Sowjetära in die nächtliche Jagd ein.

Doch als Russland 2025 seine Drohnen weiter verbesserte – schneller, stealth-fähiger, mit wechselnden Flughöhen und ausweichenden Routen – reichten diese Maßnahmen nicht mehr aus. Die Antwort war eine typisch ukrainische: ein Dronenproblem wird mit Drohnen gelöst.

Hochgeschwindigkeits-Abfangdrohnen, günstiger als jede Rakete und risikoärmer für Personal, übernahmen zunehmend die Hauptlast der Drohnenabwehr. Laut Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj werden heute rund 70 Prozent aller russischen Shahed-Drohnen, die auf Kyjiw abgefeuert werden, von Abfangdrohnen neutralisiert.

„Selbst wenn sie zu Hunderten kommen, sind sie kein so großes Problem mehr – weil wir eine Lösung gefunden haben, die deutlich günstiger ist", sagt Pawlo, Ausbilder in einem ukrainischen Rüstungsunternehmen.

Kyjiws Expertise – gefragt wie nie

Was die Ukraine in drei Jahren im härtesten Praxistest der modernen Kriegsführung gelernt hat, ist inzwischen weltweites Exportgut. Der britische Premierminister Keir Starmer kündigte am 2. März an, gemeinsam mit ukrainischen Experten die Golfstaaten beim Abschuss iranischer Drohnen zu unterstützen. Präsident Selenskyj schlug vor, ukrainische Drohnenspezialisten in den Nahen Osten zu entsenden – im Austausch gegen dringend benötigte PAC-3-Patriot-Abfangraketen zum Schutz gegen russische Ballistische Raketen.

Der eigentliche Schatz, den die Ukraine zu bieten hat, liegt jedoch weniger in einzelnen Waffensystemen als in der Fähigkeit, aus Massendaten zu lernen. „Unser größter Vorteil sind kontinuierliche Daten", erklärt Catarina Buchatskyi vom Snake Island Institute. „Wir verarbeiten jede Nacht Hunderte von Luftbedrohungen, lernen daraus und passen uns an – das kann kein anderes Land der Welt."

Kein anderer Ort auf der Erde erlaubt es, Abwehrsysteme unter so realistischen Bedingungen zu testen und weiterzuentwickeln. Selbst nichtukrainische Rüstungsunternehmen operieren deshalb vor Ort.

Eine neue Ära der Kriegsführung

Was sich gerade im Nahen Osten abspielt, ist nach Ansicht aller Beteiligten kein regionaler Ausreißer, sondern ein Vorbote. „Die Ära der einzelnen, hochpräzisen Angriffe ist einer Welt der täglichen Massenwellen gewichen", fasst Buchatskyi zusammen.

Für viele westliche und nahöstliche Militärinstitutionen sei der Irrglaube verbreitet, dass das, was in der Ukraine passiert, woanders keine Rolle spielt. „Das zeigt eine gewisse Selbstüberschätzung", urteilt Generalmajor Ryan.

Für die Menschen in der Ukraine ist diese Debatte längst Alltag – bitter erkämpfte Realität jeder Nacht. Und Pawlo, der Drohnenausbilder, blickt trotzdem nach vorne: „Wir arbeiten jetzt an Lösungen für die Zukunft – daran, den nächsten Schritt des Feindes vorherzusehen und ein Mittel zu entwickeln, gegen das es noch keine Gegenwehr gibt."