ISW-Analyse: Russland kann Odessa-Region bis 2027 nicht erobern – Kreml-Pläne bleiben unrealistisch

Das russische Militärkommando setzt weiter auf hochfliegende Ziele, die mit der Realität auf dem Schlachtfeld nichts zu tun haben.

ISW-Analyse: Russland kann Odessa-Region bis 2027 nicht erobern – Kreml-Pläne bleiben unrealistisch
Foto: Alexey Savchenko / Unsplash

Odessa – Laut einer neuen Einschätzung des Institute for the Study of War (ISW) ist es „höchst unwahrscheinlich“, dass russische Truppen bis 2027 auch nur in Richtung Odessa vorrücken – geschweige denn die gesamte Oblast erobern können. Die Pläne Moskaus für 2025–2027 wirken wie ein Echo der gescheiterten Blitzkriegs-Illusionen vom Februar 2022.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte am 2. März enthüllt, welche Ziele das russische Kommando bis 2027 verfolgt: die vollständige Eroberung der restlichen Teile von Donezk und Luhansk, weitere Vorstöße in Saporischschja und Cherson sowie die komplette Einnahme der Odessa-Region. Diese Ambitionen gehen weit über die fünf illegal annektierten ukrainischen Gebiete hinaus und zeigen, dass der Kreml an einer Einfrierung der Front im Süden keinerlei Interesse hat.

ISW-Analysten bewerten das jedoch als Wunschdenken. „Russland ist höchst unwahrscheinlich in der Lage, auch nur Richtung Odessa vorzurücken, geschweige denn die gesamte Oblast zu erobern“, heißt es in dem Bericht vom 3. März. Das russische Militär habe seit Kriegsbeginn regelmäßig unrealistische Fristen gesetzt – angefangen beim Plan, Kyjiw in wenigen Tagen einzunehmen, bis hin zu wiederholten Versuchen, ganz Donezk zu besetzen. Trotz massiver Ressourcen und hoher Menschenverluste sei in vier Jahren kein entscheidender Durchbruch gelungen.

Selbst russische Militärblogger kritisieren inzwischen offen die „unrealistischen territorialen Ziele“, die nur zu unnötigen Verlusten führen. Dennoch korrigiere das Kommando seine Vorgaben nicht. Präsident Wladimir Putin versuche zudem, diese Ziele gegenüber den USA als „unvermeidlich“ darzustellen, um Druck auf Kyjiw und den Westen auszuüben.

Die ISW-Experten betonen: Russland bereite zwar eine großangelegte Sommeroffensive vor, doch fehlende Reserven und das schleppende Tempo im Osten machten große Sprünge nach Süden unmöglich. Die aktuellen Angriffe in Donezk zeigen bereits die Grenzen der russischen Kräfte – ein Vormarsch über Hunderte Kilometer bis ans Schwarze Meer sei unter diesen Bedingungen ausgeschlossen.

Für die Ukraine und ihre westlichen Partner ist die ISW-Einschätzung eine klare Botschaft: Solange die Unterstützung anhält, bleiben die russischen Großmachtträume vom „Landkorridor“ bis nach Transnistrien bloße Propaganda. Gleichzeitig unterstreicht sie die Notwendigkeit, die Verteidigung im Süden weiter zu stärken – denn der Kreml gibt seine maximalistischen Ziele offenbar nicht auf.

Der ISW-Bericht passt zu früheren Prognosen: Selbst die vollständige Einnahme von Donezk wird frühestens 2027 oder 2028 realistisch – und nur bei anhaltendem russischem Tempo. Für Odessa gilt das erst recht nicht.