Istanbul als Brücke: Selenskyj und Erdoğan einigen sich auf neue Schritte in Sicherheitskooperation

Selenskyj und Erdoğan haben sich in Istanbul auf neue Schritte in der Sicherheitskooperation geeinigt – die Ukraine will der Türkei dabei vor allem Expertise und Technologie bei der Drohnenabwehr anbieten.

Istanbul als Brücke: Selenskyj und Erdoğan einigen sich auf neue Schritte in Sicherheitskooperation
Foto: Pressedienst des türkischen Präsidialamtes

Wolodymyr Selenskyj hat am Freitag in Istanbul den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan getroffen und dabei eine Vertiefung der bilateralen Sicherheitskooperation vereinbart. Das Treffen fand vor dem Hintergrund einer intensiven ukrainischen Diplomatie im Nahen Osten statt und unterstreicht die wachsende strategische Bedeutung der Türkei für die Ukraine – sowohl als Partner als auch als möglicher Vermittler im Krieg gegen Russland.

Selenskyj formulierte das Ziel des Besuchs in für ihn ungewöhnlich konkreten Worten: Es gehe vor allem darum, was die Ukraine der Türkei anbieten könne. „Das betrifft in erster Linie Dinge, womit wir die Türkei unterstützen können: Expertise, Technologien, Erfahrung", erklärte er nach dem Gespräch. Die grundsätzliche politische Bereitschaft zur engen Zusammenarbeit sei vorhanden, die Teams beider Länder würden in den kommenden Tagen die Details finalisieren.

Neben den Sicherheitsfragen standen auch Energieprojekte auf der Agenda. Die beiden Präsidenten besprachen konkrete Schritte zur Umsetzung gemeinsamer Projekte beim Aufbau von Gasinfrastruktur sowie Möglichkeiten zur gemeinsamen Erschließung von Gasfeldern – ein Bereich, in dem die Ukraine in den vergangenen Jahren erhebliche Kapazitäten aufgebaut hat und der auch für die Türkei als Energiedrehscheibe von strategischem Interesse ist.

Der Kontext des Treffens ist vielschichtig. Selenskyj war vor rund einer Woche im Rahmen einer Nahost-Tour in mehreren Ländern der Region und hatte dabei verschiedene Vereinbarungen getroffen. Die Ukraine bietet den Staaten im Nahen Osten und den Golfmonarchien seit Beginn des Kriegs Hilfe bei der Abwehr iranischer Drohnen an.

Mit dem laufenden Krieg zwischen den USA und dem Iran hat diese ukrainische Expertise plötzlich eine neue geopolitische Dimension bekommen – und Ankara, das traditionell gute Beziehungen zu beiden Seiten pflegt, ist ein besonders wertvoller Gesprächspartner in diesem Umfeld.

Hinzu kommt die Frage möglicher Friedensgespräche. Die Türkei war bereits mehrfach Austragungsort direkter Verhandlungen zwischen russischen und ukrainischen Delegationen. Anfang März hatte Selenskyj mitgeteilt, dass Ankara erneut bereit sei, diesen Vermittler zu spielen. Zuletzt hatten Moskau und Kyjiw in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in der Schweiz unter US-Vermittlung verhandelt, allerdings ohne Durchbruch. Der Iran-Krieg hatte eine neue Runde in diesem Format verzögert.

Dass Selenskyj nun persönlich nach Istanbul gereist ist, dürfte auch als Signal zu verstehen sein: Die Ukraine hält die Türkei als Vermittlungsplattform weiterhin für relevant.

Erdoğan hat am Vortag des Treffens ein Telefongespräch mit Wladimir Putin geführt, in dem ebenfalls die Ukraine und mögliche Lösungsoptionen besprochen worden sein sollen. Die Türkei betreibt damit klassische Doppeldiplomatie: Sie hält Gesprächskanäle zu Moskau offen, empfängt gleichzeitig Selenskyj und positioniert sich als unentbehrlicher Akteur in einem Konflikt, den sie formal nicht zu lösen hat, aber strukturell mitgestalten kann.

Selenskyj unterstrich nach dem Gespräch die geopolitische Dimension des Treffens: Wichtig sei, dass gemeinsame und koordinierte Aktionen den Schutz von Menschenleben stärkten und mehr Sicherheit für die Bevölkerung in allen Teilen der Welt ermöglichten. Eine Formulierung, die bewusst offen gehalten ist – und sowohl auf die Situation in der Ukraine als auch auf den breiteren Nahostkonflikt gemünzt sein kann.