Europa im Visier: Kriegsspiele zeigen dramatische Schwächen gegenüber Russland
Eine kürzlich durchgeführte Simulationsübung hat Europa aufgeschreckt: In einem detailliert nachgespielten Szenario gelingt es Russland, mit vergleichsweise wenigen Truppen das Baltikum zu dominieren – und das in nur wenigen Tagen.
Die Übung, organisiert von der Zeitung Die Welt in Kooperation mit dem Zentrum für Kriegsspiele an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr, zeichnet ein düsteres Bild von der Verteidigungsfähigkeit Europas.
Das Szenario spielt im Oktober 2026: Russland nutzt eine angebliche humanitäre Krise in der Exklave Kaliningrad als Vorwand, um in Litauen einzumarschieren. Ziel ist die strategisch wichtige Stadt Marijampolė – ein zentraler Knotenpunkt der Via Baltica, der wichtigsten Landverbindung zwischen den baltischen Staaten und dem Rest Europas. Mit nur etwa 15.000 Soldaten, unterstützt durch Drohnen, die Minen auf Zufahrtsstraßen legen, und geschickter Propaganda, die die Operation als „humanitäre Mission“ darstellt, gelingt es Russland, die NATO zu spalten.
Das Ergebnis ist ernüchternd: Die USA zögern, Artikel 5 des NATO-Vertrags (kollektive Verteidigung) auszurufen – angeblich, weil die Aktion nicht als klarer Angriff gilt. Deutschland zögert, Polen mobilisiert zwar, schickt aber keine Truppen über die Grenze. Eine bereits in Litauen stationierte deutsche Brigade kann nicht eingreifen. Russland erreicht seine Ziele, ohne große eigene Verbände bewegen zu müssen. Die NATO-Glaubwürdigkeit ist zerstört, das Baltikum faktisch unter russischer Kontrolle.
Franz-Stefan Gady, Militärexperte aus Wien, der in der Rolle des russischen Generalstabschefs agierte, fasst es treffend zusammen: „Abschreckung hängt nicht nur von Fähigkeiten ab, sondern davon, was der Gegner über unseren Willen denkt. Wir wussten: Deutschland wird zögern. Und das reichte für den Sieg.“
Ähnlich alarmierend äußert sich der niederländische Verteidigungsminister Ruben Brekelmans: „Nach unserer Einschätzung kann Russland innerhalb eines Jahres große Truppenmengen verlegen. Wir sehen, wie sie ihre strategischen Reserven aufstocken und ihre Präsenz entlang der NATO-Grenzen ausbauen.“ Experten warnen, dass Russland nach dem Ukraine-Krieg bis zu 200.000 kampferprobte Soldaten freisetzen könnte, wenn es von der Offensive in eine reine Verteidigungshaltung übergeht.
Litauens Verteidigungsstabschef, Konteradmiral Giedrius Premeneckas, betont zwar die eigene Wehrhaftigkeit: „Selbst ohne Verbündete könnten unsere 17.000 aktiven Soldaten – und bis zu 58.000 nach Mobilmachung – eine begrenzte Bedrohung in Marijampolė abwehren.“ Doch er mahnt: „Für Russland wäre es ein Dilemma, Kaliningrad zu halten. NATO muss klarstellen: Wenn ihr angreift, verliert ihr Kaliningrad.“
Hintergrund ist die veränderte Lage seit der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus. Viele Experten sehen in einer möglichen US-Zurückhaltung eine Chance für Russland, schnell Fakten zu schaffen – bevor Europa seine Verteidigung ausbaut. Frühere Schätzungen, Russland könne die NATO erst 2029 bedrohen, gelten inzwischen als überholt. Norwegens Oberstleutnant Amund Osflaten warnt: „Ein langer Krieg wäre für Russland verheerend, weil wir sie in Produktion und Mobilisierung überholen würden. Deshalb würden sie früh zuschlagen, um vorteilhafte Positionen zu sichern.“
Die Übung unterstreicht, was viele Sicherheitsfachleute seit Monaten fordern: Europa muss seine Abhängigkeit von den USA reduzieren, die Verteidigungsausgaben massiv erhöhen und vor allem den politischen Willen zeigen, Artikel 5 auch in Grauzonen durchzusetzen. Denn wie der Militärexperte Nico Lange es formuliert: „Wenn das Ziel ist, zu beweisen, dass Artikel 5 nicht funktioniert und die Europäer zu spalten, braucht man keinen riesigen militärischen Apparat – sondern nur den Willen.“
Ob dieses Szenario Realität wird, hängt nicht nur von Panzern und Drohnen ab, sondern vor allem von Entschlossenheit und Einigkeit. Die Zeit drängt – und die Kriegsspiele haben gerade gezeigt, wie hoch der Preis der Zögerlichkeit sein könnte.