Ermittler korrigieren Opferzahl nach Zug-Attacke im Gebiet Charkiw drastisch nach oben
Was als Meldung über einen Beschuss begann, entpuppt sich als menschliche Tragödie, die selbst erfahrene Ermittler schockiert.
Nach dem gezielten russischen Drohnenangriff auf einen Nahverkehrszug im Gebiet Charkiw ist die Zahl der Opfer weit höher als zunächst angenommen. Die Überreste erzählen die Geschichte eines brutalen Kriegsverbrechens.
Der Ort des Geschehens ist Kosatscha Lopan, eine Siedlung, die so nah an der russischen Grenze liegt, dass die Artillerie oft einschlägt, bevor der Luftalarm heult. Hier, am Bahnhof, stand eine „Elektrytschka“ – einer jener Vorortzüge, die für viele Menschen in der Region die letzte Verbindung zur Außenwelt darstellen. Doch statt Passagiere sicher zu befördern, wurde der Zug zur tödlichen Falle.
Ein forensisches Puzzle des Schreckens
Wie die Polizei der Region Charkiw nun bestätigte, ist das Ausmaß des Angriffs verheerender als die ersten Eilmeldungen vermuten ließen. Zunächst war von zwei Toten die Rede. Doch bei der detaillierten Untersuchung der ausgebrannten Waggons machten die Experten einen grausigen Fund: Sie entdeckten Fragmente von sechs Körpern.
Serhij Bolwinow, der Leiter der Ermittlungsabteilung der Polizei in Charkiw, beschrieb die Situation als extrem schwierig. Die Leichen sind durch das Feuer und die Explosion so stark entstellt, dass eine visuelle Identifizierung unmöglich ist. „Wir müssen DNA-Analysen durchführen, um den Angehörigen Gewissheit zu geben“, so die Behörden. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit und den Verwesungsprozess, um den namenlosen Opfern ihre Identität zurückzugeben.
Hintergrund: Der Terror per FPV-Drohne
Besonders perfide macht den Angriff die eingesetzte Waffe. Es handelte sich nicht um einen ungenauen Artillerieschuss, sondern um einen Angriff mittels FPV-Drohne (First Person View).
- Der Tathergang: Der Zug befand sich im Stillstand am Bahnhof, als die Drohne einschlug.
- Die Absicht: FPV-Drohnen werden von Piloten über eine Kamera gesteuert. Das bedeutet: Der russische Angreifer sah genau, dass er einen zivilen Nahverkehrszug ins Visier nahm. Es war ein gezielter Schlag gegen die Infrastruktur und die Menschen, die sie nutzen.
Die „Todeszone“ im Norden Charkiws
Kosatscha Lopan ist seit Beginn der Invasion ein Synonym für das Leiden der Zivilbevölkerung.
- Geografische Lage: Der Ort liegt weniger als fünf Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Nach der Befreiung im Herbst 2022 wurde er nicht zum sicheren Hinterland, sondern zur direkten Frontlinie des Terrors.
- Die Strategie: Russland versucht systematisch, diese Grenzregionen unbewohnbar zu machen („Verbrannte Erde“). Züge und Busse sind oft die einzigen Lebensadern, um Lebensmittel zu bringen oder Zivilisten zu evakuieren. Dass nun explizit ein Zug angegriffen wurde, zielt darauf ab, diese letzte Verbindung zu kappen und Panik zu verbreiten.
Der Fund der sechs Leichenfragmente in Kosatscha Lopan ist mehr als eine statistische Korrektur der Opferzahlen. Er ist ein Beweis für die Rücksichtslosigkeit, mit der selbst zivile Ziele in Grenznähe "gejagt" werden. Für die Forensiker beginnt nun die schwere Arbeit der Identifizierung, während die Bewohner von Charkiw erneut daran erinnert werden, dass in diesem Krieg selbst der Weg zur Arbeit oder zur Flucht tödlich enden kann.