Die Kälte als Waffe: Kyjiw friert in der Dunkelheit

In der eisigen Nacht zum 9. Januar hat Russland einen der brutalsten kombinierten Angriffe auf die Energieinfrastruktur der ukrainischen Hauptstadt geflogen.

Die Kälte als Waffe: Kyjiw friert in der Dunkelheit
Foto: Nik Shuliahin 💛💙 / Unsplash

Stellen Sie sich vor: Es ist Januar, die Temperaturen sinken auf minus 10 bis minus 15 Grad, und in Ihrer Wohnung geht plötzlich das Licht aus. Kein Heizkörper gluckert mehr, das Wasser aus dem Hahn wird eiskalt, und draußen heult der Wind um die Plattenbauten. Genau das erleben derzeit Hunderttausende Menschen in Kyjiw – und es ist kein Unfall, sondern gezielte russische Strategie.

Drohnen, Raketen, darunter sogar die hypersonische Oreshnik – alles zielte auf Transformatoren, Wärmekraftwerke und Umspannwerke. Das Ergebnis: Die Stadt kämpft ums nackte Überleben im Winter.

Die harten Zahlen, die unter die Haut gehen

Aktuell sind in Kyjiw rund 417.000 Haushalte ohne Strom – das sind Hunderttausende Menschen, die in der Kälte sitzen. Besonders dramatisch ist die Lage am linken Dnepr-Ufer, wo Notabschaltungen greifen und das Netz einfach überlastet ist. Energieversorger arbeiten rund um die Uhr, einige Zehntausend Haushalte konnten bereits wieder versorgt werden, doch der Großteil harrt weiter aus.

Noch schlimmer trifft es die Heizung: Fast die Hälfte aller Mehrfamilienhäuser – etwa 6.000 Gebäude – steht komplett ohne Wärme da. In vielen Fällen lassen die Behörden sogar vorsorglich Wasser aus den Heizungsrohren ab, um Frostschäden und Rohrbrüche zu verhindern. Ohne Strom kein Pumpenbetrieb, ohne Heizung keine Zirkulation – und bei diesen Temperaturen kann eine Wohnung innerhalb weniger Stunden zur Gefriertruhe werden.

Die Wasserversorgung ist zwar größtenteils wiederhergestellt, doch ohne Strom und Heizung bleibt sie nutzlos: kalt, drucklos, ungenießbar. Krankenhäuser und Schulen laufen auf Notstromaggregaten, mobile Kesselhäuser versuchen, wenigstens die kritischsten Einrichtungen warm zu halten.

Der stille Kampf in der Dunkelheit

Kyjiw atmet schwer. In den Straßen sieht man Menschen mit Taschenlampen, die Generatoren anschließen oder einfach nur zur nächsten „Punkt der Unbesiegbarkeit“ pilgern – das sind Notversorgungspunkte mit Wärme, Ladestationen und heißem Tee. Doch es reicht nicht für alle. Familien mit kleinen Kindern, ältere Menschen, Kranke – sie alle spüren die Kälte am härtesten.

Witali Klitschko, der Bürgermeister, der einst als Boxer unbesiegbar schien, hat etwas ausgesprochen, das viele schockiert: Wer die Möglichkeit hat, sollte die Stadt vorübergehend verlassen. Zu Verwandten aufs Land, in eine andere Region – irgendwohin, wo es Licht und Wärme gibt. Es ist kein offizieller Evakuierungsaufruf, sondern ein verzweifelter Appell an die Vernunft in einer Lage, die kaum noch zu bewältigen ist.

Winter als russische Waffe

Das ist kein Kollateralschaden – es ist Kalkül. Russland weiß genau, dass Kälte mehr Menschen brechen kann als Granaten. Der Angriff kam genau jetzt, wo der Winter seine schärfsten Zähne zeigt und Reparaturen Tage, vielleicht sogar eine Woche dauern können. Präsident Selenskyj spricht von „absichtlicher Qual“ – und er hat recht.

Doch Kyjiw gibt nicht auf. Energiearbeiter schuften in der Kälte, Nachbarn teilen Decken und Kerzen, Freiwillige bringen Essen und Generatoren. Es ist die gleiche unglaubliche Widerstandskraft, die die Ukraine schon so oft gerettet hat.

In diesen dunklen, kalten Tagen zeigt sich wieder: Die Ukraine friert – aber sie erfriert nicht. Sie kämpft um jeden Funken Wärme, um jedes Licht. Und sie wird es schaffen. Weil sie es einfach muss. Bleibt stark, Kyjiw. Die Wärme kommt zurück – und mit ihr die Hoffnung.