Ausgebuht, ausgerastet: Orbán verliert die Nerven – zwei Wochen vor der Wahl

Zwei Wochen vor der Parlamentswahl gerät Viktor Orbán unter Druck: In den Umfragen liegt er hinter der Opposition, und ein Wahlkampfauftritt endete mit einem Ausraster, der Beobachter überraschte.

Ausgebuht, ausgerastet: Orbán verliert die Nerven – zwei Wochen vor der Wahl
Foto: x.com/panyiszabolcs

Zwei Wochen vor der ungarischen Parlamentswahl am 12. April zeigt sich Viktor Orbán von einer Seite, die seine Beobachter bisher kaum kannten: dünnhäutig, laut und sichtlich unter Druck. Bei einem Wahlkampfauftritt in der Stadt Győr am Freitagabend verlor der seit 2010 regierende Ministerpräsident die Fassung – und lieferte damit das wohl ungewöhnlichste Bild seiner langen politischen Karriere.

Unter das eigentlich Fidesz-freundliche Publikum hatten sich offenbar auch Gegner gemischt, die Orbán lautstark ausbuhten. Dieser reagierte sichtlich verärgert und setzte zu einer wütenden Tirade an. Er warf den Störern vor, nicht hinter Ungarn zu stehen, ukrainische Interessen zu vertreten und das Geld der Ungarn in die Ukraine bringen zu wollen. Die Menge buhte ihn daraufhin erneut aus. Erfahrene Beobachter zeigten sich überrascht: Eine derart wütende und emotionale Reaktion sei von Orbán bislang nicht bekannt.

Der Ausraster kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Seit Monaten liegt Orbáns Fidesz in Umfragen hinter Péter Magyars konservativer Tisza-Partei – und der Rückstand wächst. Zu Magyars Nationalem Marsch am ungarischen Nationalfeiertag kamen Schätzungen zufolge zwischen 160.000 und 170.000 Menschen, während Orbáns Friedensmarsch nur rund 85.000 bis 92.000 Teilnehmer anzog. Magyar ist kein gewöhnlicher Oppositionspolitiker – er war selbst Teil des Fidesz-Systems, bevor er sich öffentlich gegen Orbán stellte. Genau das macht ihn so gefährlich: Er kennt das System von innen.

Orbáns Wahlkampfstrategie setzt auf ein einziges großes Narrativ: Krieg oder Frieden. Die bevorstehende Wahl stellt er als Entscheidung zwischen diesen beiden Optionen dar, seine Regierung als Garanten für Stabilität. Die Opposition bezeichnet er als verlängerten Arm der EU und der Ukraine. Selenskyj nannte er sogar einen „Feind". Die Ukraine wiederum wirft Orbán vor, die Druschba-Pipeline-Lieferungen zu instrumentalisieren. Budapest hat zudem ein EU-Hilfspaket für die Ukraine im Umfang von 90 Milliarden Euro blockiert – und sorgt damit in Kyjiw wie in Brüssel für anhaltende Empörung.

Auch abseits der Kriegsrhetorik greift Fidesz zu immer schärferen Mitteln: Auf Social Media verbreitete die Partei ein KI-generiertes Video mit einem apokalyptischen Szenario – ein Mädchen, das auf seinen Vater wartet, der am Ende von Soldaten erschossen wird. Magyar nannte das Video erschreckend und unverzeihlich.

Hinzu kommen Berichte über russische Einflussnahme im Wahlkampf. Magyar warf Orbán vor, russischen Agenten Tür und Tor zu öffnen, um sich in die Wahl einzumischen – und damit die ungarische Freiheit zu verraten. Moskau wies die Anschuldigungen zurück.

Ob Orbán am 12. April tatsächlich seine Mehrheit verliert, ist offen. Seit 2011 hat Fidesz das ungarische Wahlsystem zu seinen Gunsten umgebaut – wer Orbán vom Thron stürzen will, tritt nicht nur gegen eine Partei an, sondern gegen ein ganzes System. Doch der Ausraster von Győr hat gezeigt: Auch Viktor Orbán kann die Nerven verlieren – und es genügte dafür eine Handvoll Gegner im Publikum.